====== Schädlinge & Krankheiten ====== Übersicht über häufige Schädlings‑ und Krankheitsklassen bei Cannabis (//Cannabis sativa L.//) und integrierte Maßnahmen (IPM – Integrated Pest Management). Konkrete chemische Anwendungen nur durch Fachleute. ===== Schädlinge ===== === Spinnmilben (Tetranychidae) === Die **Roten Spinnmilben** (//Tetranychus urticae//) sind einer der häufigsten und gefährlichsten Schädlinge im Cannabis-Anbau. Sie saugen Pflanzensaft aus den Blättern, was zu Chlorosen, Necrosen und Ertragsverlusten führt. **Erkennung:** * Feine Gespinste an Blattunterseiten * Kleine gelbe Pünktchen (Chlorosen) auf Blattoberseiten * Bei schwerem Befall: Bronze- bis Rötlichfärbung der Blätter * Mit bloßem Auge als winzige bewegliche Punkte erkennbar **Lebenszyklus:** Spinnmilben vermehren sich extrem schnell bei Temperaturen über 25°C. Ein Weibchen legt bis zu 100 Eier in 2–3 Wochen. Der gesamte Lebenszyklus dauert bei 27°C nur etwa 7–14 Tage((Van Leeuwen T, Vontas J, Tsagkarakou A, Dermauw W, Tirry L (2010). Acaricide resistance mechanisms in the two-spotted spider mite //Tetranychus urticae// and other important Acari: A review. //Insect Biochemistry and Molecular Biology//, 40(8), 563–572. DOI: 10.1016/j.ibmb.2010.05.008)). **Bekämpfung:** * **Biologisch:** Einsatz von Raubmilben (//Phytoseiulus persimilis//, //Neoseiulus californicus//) – höchste Effektivität bei Temperaturen von 20–28°C * **Verdünnung:** Tägliches Absprühen der Blattunterseiten mit Wasser (erhöht Luftfeuchtigkeit, stört Eiablage) * **Präparate:** Neemöl (Azadirachtin), Rapsöl-Präparate, Kaliseife * **Vermeidung:** Nicht überdüngen (hoher Stickstoff begünstigt Befall) === Thripse (Thysanoptera) === **Westliche Blasenfüße** (//Frankliniella occidentalis//) sind winzige, schnell fliegende Insekten, die durch Saugen an Blüten und Blättern Silberflecken und Deformationen verursachen. **Erkennung:** * Silbrige Flecken mit schwarzen Kotpünktchen auf Blättern * Deformierte junge Blätter und Blüten * Schwarze, längliche Exkremente **Bekämpfung:** * **Biologisch:** Raubwanzen (//Orius spp.//), Raubmilben (//Amblyseius swirskii//) * **Gelbtafeln** zur Monitoring und Reduktion der Population * **Präparate:** Spinosad (bei Outdoor-Zulassung), Neemöl * **Isolation:** Be fallene Pflanzen sofort isolieren – Thripse sind extrem mobil === Weiße Fliegen (Aleyrodidae) === Die **Gewächshaus-Weiße Fliege** (//Trialeurodes vaporariorum//) und die **Tabak-Weiße Fliege** (//Bemisia tabaci//) saugen Pflanzensaft und scheiden Honigtau aus, der Rußtaupilze fördert. **Erkennung:** * Weiße, fliegende Insekten beim Rütteln an Pflanzen * Klebende Honigtau-Rückstände auf Blättern * Schwarze Rußtaupilze auf Honigtau **Bekämpfung:** * **Biologisch:** Schlupfwespen (//Encarsia formosa//, //Eretmocerus eremicus//) * **Gelbtafeln** zur Massenreduktion * **Präparate:** Neemöl, Kaliseife (mehrfache Anwendung nötig, da nur Larvenstadien empfindlich) === Blattläuse (Aphididae) === **Green Peach Aphid** (//Myzus persicae//) und andere Blattläuse saugen Phloem-Saft und übertragen Viren. **Erkennung:** * Kolonien von weichen, birnenförmigen Insekten an Triebspitzen * Gekräuselte, verkrüppelte junge Blätter * Honigtau und Rußtaupilze * Ameisen "melken" Blattläuse (Symbiose) **Bekämpfung:** * **Biologisch:** Marienkäfer (//Harmonia axyridis//), Florfliegenlarven (//Chrysoperla carnea//), Schwebfliegenlarven * **Präparate:** Kaliseife, Neemöl, Pyrethrum (biologisch abbaubar) * **Hortensien-Methode:** Entfernen der befallenen Triebspitzen === Trauermücken (Sciaridae) === **Gewächshaus-Trauermücke** (//Bradysia spp.//) – die Larven fressen organische Substanz, können aber bei hohem Befall auch Wurzeln schädigen. **Erkennung:** * Kleine, schwarze Mücken, die über Substratoberfläche fliegen * Durchsichtige Larven im Substrat (weißer Kopf, schwarzer Körper) * Welkeerscheinungen trotz ausreichender Bewässerung **Bekämpfung:** * **Biologisch:** Nematoden (//Steinernema feltiae//) gegen Larven, Raubmilben (//Stratiolaelaps scimitus//) * **Kulturmaßnahmen:** Substrat-Oberfläche antrocknen lassen, Drainage verbessern * **Gelbtafeln** zur Reduktion der fliegenden Adulten * **Bacillus thuringiensis israelensis (Bti)** gegen Larven im Wasser ===== Krankheiten ===== === Echter Mehltau (Powdery Mildew) === **Gemeiner Mehltau** (//Golovinomyces cichoracearum// syn. //Erysiphe cichoracearum//) bildet weiße, mehlartige Beläge auf Blättern und Stängeln. **Erkennung:** * Weißer, pudriger Belag auf Blattoberseiten (später auch Unterseiten) * Kreisförmige Ausbreitung der Flecken * Bei fortschreitender Infektion: Blattvergilbung und -fall * Sporen werden durch Luftströmungen verbreitet **Bedingungen:** Optimale Ausbreitung bei 15–25°C und relativer Luftfeuchtigkeit von 60–90%((Pépin N, Punja ZK, Joly DL (2018). Occurrence of Powdery Mildew Caused by //Golovinomyces cichoracearum sensu lato// on //Cannabis sativa// in Canada. //Plant Disease//, 102(12), 2644. DOI: 10.1094/pdis-04-18-0586-pdn)). **Bekämpfung:** * **Prävention:** Luftzirkulation erhöhen (Ventilatoren), Blattnässe vermeiden, Pflanzenabstände einhalten * **Biologisch:** Milch-Wasser-Lösung (1:10) als Foliar-Spray – wirkt durch durch Lactoferrin und freigesetzten Stickstoffmonoxid((Glawe DA (2008). The powdery mildews: a review of the world's most familiar (yet poorly known) plant pathogens. //Annual Review of Phytopathology//, 46, 27–51. DOI: 10.1146/annurev.phyto.46.081407.104740)) * **Präparate:** Schwefelpräparate (bei < 25°C anwenden!), Kaliumhydrogencarbonat (Backpulver-Lösung), Neemöl * **Entsorgung:** Stark befallene Blätter entfernen und versiegeln (nicht kompostieren!) === Grauschimmel (Botrytis cinerea) === **Botrytis-Fäule** (//Botrytis cinerea//) ist eine der zerstörerischsten Krankheiten, besonders in der Spätphase der Blüte. Sie verursacht "Bud Rot" – das Verfaulen der Blütenstände. **Erkennung:** * Graues, flaumiges Myzel auf Blüten oder Blättern * Braune, matschige Stellen an Blütenständen * Wasserartige Flecken an Stängeln * Bei starkem Befall: Geruch von faulenden Früchten **Bedingungen:** Hohe Luftfeuchtigkeit (> 85%) und moderate Temperaturen (15–25°C) fördern die Sporenkeimung((Williamson B, Tudzynski B, Tudzynski P, Van Kan JAL (2007). //Botrytis cinerea//: the cause of grey mould disease. //Molecular Plant Pathology//, 8(5), 561–580. DOI: 10.1111/j.1364-3703.2007.00417.x)). **Bekämpfung:** * **Prävention:** Kritisch! Luftzirkulation in Blütenständen maximieren, Luftfeuchtigkeit in der Spätblüte < 50% senken, Blätter um Blüten entfernen (Lollipopping) * **Biologisch:** //Bacillus subtilis//-Präparate (konkurrieren um Nischen) * **Notfall:** Befallene Blütenstände sofort mit sterilen Werkzeugen entfernen – Infektion breitet sich rasend schnell aus * **Achtung:** Grauschimmel produziert Mykotoxine (Botrydial, Botcinine), die beim Rauchen/Verdampfen gesundheitsschädlich sind! === Fusarium-Welke (Fusarium oxysporum) === **Fusarien-Welke** wird durch bodenbürtige Pilze der Gattung //Fusarium// verursacht, die das Xylem verstopfen und zur Welke führen. Mehrere //Fusarium//-Arten wurden als Krankheitserreger an Cannabis beschrieben((Punja ZK (2021). Emerging diseases of //Cannabis sativa// and sustainable management. //Pest Management Science//, 77(9), 3859–3874. DOI: 10.1002/ps.6307)). **Erkennung:** * Gelbe, welkende Blätter, beginnend an unteren Blättern * Braunverfärbung des Xylems (Gefäßbündel) – beim Anschnitt des Stängels sichtbar * Einseitiges Welken der Pflanze * Bei fortschreitender Infektion: Kollaps der gesamten Pflanze **Bekämpfung:** * **Prävention:** Steriles Substrat verwenden, Übertragung durch Werkzeuge vermeiden (Desinfektion mit 70% Ethanol oder 10% Bleiche), Fungizid-behandelte Samen verwenden * **Biologisch:** //Trichoderma harzianum// und //T. viride// (antagonistische Pilze, die Fusarium unterdrücken)((Harman GE, Howell CR, Viterbo A, Chet I, Lorito M (2004). //Trichoderma// species—opportunistic, avirulent plant symbionts. //Nature Reviews Microbiology//, 2(1), 43–56. DOI: 10.1038/nrmicro797)) * **Kulturmaßnahmen:** pH-Wert im Substrat zwischen 6.0–6.5 halten (Fusarium bevorzugt saurere Bedingungen) === Wurzelfäule (Pythium, Phytophthora) === **Wurzelfäule** wird meist durch //Pythium spp.// oder //Phytophthora spp.// verursacht – Oomyceten (wasserbewohnende Pilze), die in nassen Substraten gedeihen. **Erkennung:** * Welkeerscheinungen trotz feuchtem Substrat * Dunkelbraune, matschige Wurzeln (gesunde Wurzeln sind weiß und fest) * Wurzelgeruch: faulig, süßlich * Wachstumsstillstand **Bedingungen:** Überbewässerung, schlechte Drainage, hohe Temperaturen (> 20°C im Substrat) begünstigen Oomyceten((Punja ZK, Scott C, Lung S (2022). Several //Pythium// species cause crown and root rot on cannabis (//Cannabis sativa// L., marijuana) plants grown under commercial greenhouse conditions. //Canadian Journal of Plant Pathology//, 44(1), 66–81. DOI: 10.1080/07060661.2021.1954695)). **Bekämpfung:** * **Prävention:** Substrat gut drainieren lassen (Porenvolumen!), Wasservorrat nicht aufstauen, Hydroton- oder Perlit-Zusatz verbessern Drainage * **Biologisch:** //Trichoderma//-Stämme, //Bacillus amyloliquefaciens// (Stamm FZB42) * **Kulturmaßnahmen:** Substrat-Temperatur < 20°C halten, Bewässerungsintervallen mit Antrocknen des Substrats === Nährstoffmangel (Abiotic Disorders) === Nicht-parasitäre Krankheiten durch falsche Nährstoffversorgung oder Umweltfaktoren. **Häufige Symptome:** * **Stickstoffmangel (N):** Gelbe untere Blätter, langsames Wachstum * **Phosphormangel (P):** Dunkelgrüne Blätter mit violetten Stängeln, verzögerte Blüte * **Kaliummangel (K):** Gelbe Blattränder, nekrotische Flecken an Blattspitzen * **Magnesiummangel (Mg):** Intervenale Chlorose (gelb zwischen Blattadern), beginnend an unteren Blättern * **Calciummangel (Ca):** Tote Spitzen an jungen Blättern, Blütenfäule („Bud Rot“ durch Ca-Mangel) **Vorbeugung:** Regelmäßige pH-Überwachung (6.0–6.5 im Erdreich, 5.5–6.0 in Hydrokultur), Leitwert-Überwachung (0.8–1.6 mS/cm je nach Phase), ausgewogene Düngung mit Mikronährstoffen. ===== Integriertes Schädlingsmanagement (IPM) ===== Das **Integrated Pest Management (IPM)** ist ein ganzheitlicher Ansatz zur Prävention und Bekämpfung von Schädlingen und Krankheiten mit minimalem Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel. === Säulen des IPM === - **Prävention (80% des Erfolgs):** * Quarantäne neuer Pflanzen (7–14 Tage Beobachtung vor Integration) * Hygienekonzept: Desinfektion von Werkzeugen, Händen, Schuhen * Filterung der Zuluft (ISO ePM1 60% oder besser) bei Indoor-Anlagen * Kontrollierte Umweltparameter (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftzirkulation) * Resistente Genetiken wählen - **Monitoring (15% des Erfolgs):** * Gelbtafeln (für fliegende Insekten) und Blautafeln (für Thripse) platzieren * Wöchentliche Inspektion der Blattunterseiten mit 10x Lupe * Stichprobenartige Wurzelkontrolle * Stammmikroskop für Eier und Jungstadien - **Biologische Bekämpfung (5% des Erfolgs):** * Gezielter Einsatz von Nützlingen (siehe oben) * Aufbauender Nützlingspopulationen vor Schädlingsbefall (Präventiv-Strategie) * Kombination verschiedener Nützlingsarten (z.B. Raubmilben + Florfliegen) - **Chemische Bekämpfung (Notfall):** * Nur bei Überschreitung des ökonomischen Schadensniveaus * Strenge Auswahl pflanzenschutzmittelrechtlich zugelassener Mittel * Resistenzmanagement: Wirkstoffe rotieren (nicht mehr als 2–3x hintereinander gleicher Wirkstoff) * Wartezeiten vor Ernte strikt einhalten === Warnsignale (Alarmstufen) === | Alarmstufe | Situation | Maßnahme | |-----------|-----------|-----------| | Grün | Keine Schädlinge/Krankheiten | Regelmäßige Kontrolle, IPM-Standards einhalten | | Gelb | < 5 Schädlinge/Pflanze oder kleiner Mehltau-Fleck | Biologische Gegenmaßnahmen einleiten, Monitoring intensivieren | | Orange | 5–20 Schädlinge/Pflanze oder ausgebreiteter Mehltau | Gezielte Nützlingsfreisetzung, Pflanzen isolieren | | Rot | Massiver Befall, Pflanzengesundheit gefährdet | Notfall-Bekämpfung, Ernte vorzeitig erwägen, Quarantäne | ===== Wissenschaftliche Quellen & weiterführende Literatur ===== * Van Leeuwen T, Vontas J, Tsagkarakou A, Dermauw W, Tirry L (2010). Acaricide resistance mechanisms in the two-spotted spider mite //Tetranychus urticae// and other important Acari: A review. //Insect Biochemistry and Molecular Biology//, 40(8), 563–572. DOI: [[https://doi.org/10.1016/j.ibmb.2010.05.008]] * Pépin N, Punja ZK, Joly DL (2018). Occurrence of Powdery Mildew Caused by //Golovinomyces cichoracearum sensu lato// on //Cannabis sativa// in Canada. //Plant Disease//, 102(12), 2644. DOI: [[https://doi.org/10.1094/pdis-04-18-0586-pdn]] * Glawe DA (2008). The powdery mildews: a review of the world's most familiar (yet poorly known) plant pathogens. //Annual Review of Phytopathology//, 46, 27–51. DOI: [[https://doi.org/10.1146/annurev.phyto.46.081407.104740]] * Williamson B, Tudzynski B, Tudzynski P, Van Kan JAL (2007). //Botrytis cinerea//: the cause of grey mould disease. //Molecular Plant Pathology//, 8(5), 561–580. DOI: [[https://doi.org/10.1111/j.1364-3703.2007.00417.x]] * Punja ZK (2021). Emerging diseases of //Cannabis sativa// and sustainable management. //Pest Management Science//, 77(9), 3859–3874. DOI: [[https://doi.org/10.1002/ps.6307]] * Harman GE, Howell CR, Viterbo A, Chet I, Lorito M (2004). //Trichoderma// species—opportunistic, avirulent plant symbionts. //Nature Reviews Microbiology//, 2(1), 43–56. DOI: [[https://doi.org/10.1038/nrmicro797]] * Punja ZK, Scott C, Lung S (2022). Several //Pythium// species cause crown and root rot on cannabis (//Cannabis sativa// L., marijuana) plants grown under commercial greenhouse conditions. //Canadian Journal of Plant Pathology//, 44(1), 66–81. DOI: [[https://doi.org/10.1080/07060661.2021.1954695]] * Alford DV (2012). "Pests of Ornamental Trees, Shrubs and Flowers: Identification and Control." Second Edition. Manson Publishing. * Cranshaw WS (2004). "Garden Insects of North America: The Ultimate Guide to Backyard Bugs." Princeton University Press. * United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC). (2020). "Cannabis Cultivation and Processing Toolkit." Vienna: UNODC. ===== Siehe auch ===== * [[cannabis:anbau:ph-und-duengung|pH-Wert und Düngung]] – Nährstoffmangel erkennen und vermeiden * [[cannabis:anbau:beleuchtung|Beleuchtung]] – Umweltfaktoren steuern * [[cannabis:anbau:indoor|Indoor-Anbau]] – Klimakontrolle zur Prävention * [[cannabis:anbau:outdoor|Outdoor-Anbau]] – Natürliche Nützlinge fördern * [[cannabis:sicherheit|Sicherheit]] – Hygiene und Quarantäne-Maßnahmen