====== Machbarkeit des Cannabis-Anbaus mit aufbereitetem Abwasser – Patagonien, Argentinien (2026) ====== **Bosco T, Lozada M, Faleschini M, Bigatti G (2026).** Feasibility of medicinal cannabis cultivation in outdoor conditions using municipal reclaimed water. //Journal of Cannabis Research//. DOI: [[https://doi.org/10.1186/s42238-026-00433-9|10.1186/s42238-026-00433-9]] Diese Studie des **CCT CONICET-CENPAT** (Patagonien, Argentinien) untersucht erstmals die Machbarkeit des medizinischen Cannabis-Anbaus im Freiland unter Verwendung von kommunalem aufbereitetem Abwasser (Reclaimed Water) als Bewässerungswasser. Angesichts zunehmender Wasserknappheit in ariden und semi-ariden Regionen weltweit ist dies ein wichtiger Beitrag zur nachhaltigen Cannabiskultivierung. **Stand: 2026-05-24 | Neu aufgenommen** ===== Hintergrund ===== Die Süßwasserressourcen werden weltweit knapper – besonders in ariden und semi-ariden Regionen. Gleichzeitig ist Cannabis für hohen Wasserverbrauch bekannt. Die Wiederverwendung von kommunalem aufbereitetem Abwasser (nach WHO-Richtlinien) könnte eine nachhaltige Alternative darstellen. Die Studie wurde in der **argentinischen Patagonien-Region (Provinz Chubut)** durchgeführt, einem semi-ariden Gebiet mit geringen Niederschlägen und begrenzten Wasserressourcen. ===== Methodik ===== **Standort:** Outdoor-Versuch in Patagonien, Argentinien (42°S, 65°W) **Pflanzenmaterial:** Zwei medizinische Cannabis-Sorten (Candyland und GG4) **Bewässerung:** Kommunales aufbereitetes Abwasser aus der Kläranlage Puerto Madryn **Boden:** Lehmiger Sandboden (pH ~7,5–8,0) **Wichtige Messparameter:** * Boden- und Wasserqualität (physikochemische Parameter) * Mikrobiologische Belastung (E. coli, coliforme Bakterien) * Schwermetalle (As, Cd, Co, Cr, Cu, Ni, Pb, Zn) in Boden, Blättern, Blüten und Ölen * Blütenertrag und Cannabinoid-Konzentration ===== Zentrale Ergebnisse ===== ==== Wasserqualität ==== Die Wasserqualität des aufbereiteten Abwassers war hinsichtlich physikochemischer Parameter für die landwirtschaftliche Bewässerung geeignet (WHO-Richtlinien für uneingeschränkte landwirtschaftliche Wiederverwendung): ^ Parameter ^ Wert ^ WHO-Grenzwert ^ | E. coli bei Befüllung | 1.700 ± 733 MPN/100 ml | < 1.000 MPN/100 ml | | E. coli nach 10 Tagen Lagerung | < 1.000 MPN/100 ml | < 1.000 MPN/100 ml | | pH-Wert | 7,8–8,1 | 6,0–9,0 | | Elektrische Leitfähigkeit (EC) | 1,2–1,5 dS/m | < 3,0 dS/m | Ein wichtiger Befund: Nach etwa **10 Tagen Lagerung** in Tanks sank der E. coli-Gehalt unter den WHO-Richtwert von 1.000 MPN/100 ml – durch natürliche Absterbeprozesse und Sedimentation. ==== Mikrobiologische Sicherheit ==== * **E. coli** und **Gesamtcoliforme** waren in Blättern, Blüten und Ölen **nicht nachweisbar** * Dies deutet darauf hin, dass bei sachgemäßer Handhabung (Tanklagerung, Tröpfchenbewässerung ohne Blattkontakt) keine Übertragung von Fäkalkeimen auf die Pflanze stattfindet ==== Schwermetalle ==== ^ Metall ^ Konzentration in Blüten ^ Regulierung (EU Lebensmittel) ^ | Blei (Pb) | **> Grenzwert** in getrockneten Blüten | 0,1 mg/kg (BLBV) | | Cadmium (Cd) | Nachweisbar, unter Grenzwert | 0,2 mg/kg | | Arsen (As) | Unter Bestimmungsgrenze | — | | Quecksilber (Hg) | Unter Bestimmungsgrenze | — | | Zink (Zn) | Erhöht, unter toxischer Schwelle | — | | Kupfer (Cu) | Unter Grenzwert | — | **Kritisch:** Blei (Pb) überschritt in den getrockneten Blüten die regulatorischen Grenzwerte für Lebensmittel. Dies unterstreicht die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Monitorings von Schwermetallen bei der Verwendung von aufbereitetem Abwasser. **Positiv:** Die Schwermetalle zeigten **keine systematische Akkumulation** im System – d.h. keine kontinuierliche Anreicherung über die Versuchsperiode hinweg. ==== Ertrag ==== ^ Parameter ^ Wert ^ | Trockenblütenertrag | 267,77 ± 34,99 g/Pflanze | | Cannabinoid-Konzentration | 7–14 % (THC) | | Vergleich zu Indoor | Vergleichbar mit den Ergebnissen dieser Sorten im Indoor-Anbau | Der Ertrag lag im **typischen Bereich für Outdoor-Cannabis** in gemäßigtem Klima. Die Cannabinoid-Konzentrationen waren vergleichbar mit denen der gleichen Sorten im Indoor-Anbau – ein überraschend positives Ergebnis, da Outdoor oft niedrigere THC-Werte liefert. ===== Bewertung und Einordnung ===== **Stärken der Studie:** * Erste wissenschaftliche Untersuchung zum Einsatz von aufbereitetem Abwasser für medizinischen Cannabis-Anbau unter Realbedingungen * Umfassende Sicherheitsanalyse (Mikrobiologie + Schwermetalle) * Relevanz für wasserarme Regionen weltweit **Einschränkungen:** * Begrenzte Anzahl von Sorten (2) und Standorte (1) * Kurze Versuchsdauer – Langzeiteffekte auf Boden und Pflanzen nicht untersucht * Bleibelastung in Blüten über dem Lebensmittelgrenzwert – erfordert weitere Forschung (mögliche Ursache: atmosphärische Deposition oder kontaminiertes Bewässerungswasser) * E. coli-Werte bei Befüllung über dem WHO-Richtwert – Lagerung war entscheidend ===== Praktische Bedeutung ===== Für Cannabisanbauer in wasserarmen Regionen bietet diese Studie wichtige Erkenntnisse: **1. Machbarkeit bestätigt:** Aufbereitetes kommunales Abwasser ist grundsätzlich für den Cannabis-Anbau geeignet, sofern die WHO-Richtlinien für die landwirtschaftliche Wiederverwendung eingehalten werden. **2. Lagerung ist entscheidend:** Durch Zwischenlagerung des Wassers in Tanks (ca. 10 Tage) sinkt die Keimbelastung auf ein sicheres Niveau. Zusätzliche Behandlung (UV, Ozon, Filtration) kann die Sicherheit weiter erhöhen. **3. Schwermetall-Monitoring erforderlich:** Insbesondere Blei muss regelmäßig überwacht werden. Bei Überschreitung von Grenzwerten sollten das Bewässerungswasser oder die Bodenbelastung überprüft werden. **4. Tropfbewässerung empfohlen:** Tröpfchenbewässerung (im Versuch eingesetzt) minimiert den Blattkontakt mit dem Bewässerungswasser und reduziert das Risiko einer mikrobiellen Kontamination der Ernteprodukte. **5. Keine Ertragseinbußen:** Die Erträge und Cannabinoid-Konzentrationen waren mit konventioneller Bewässerung vergleichbar. ===== Ausblick ===== Diese Studie öffnet die Tür für weitere Forschung: * **Langzeitstudien** mit mehreren Vegetationsperioden * **Vergleich verschiedener Aufbereitungsverfahren** (UV, Ozon, Membranfiltration) hinsichtlich Kosten und Effektivität * **Optimierung der Bewässerungsstrategie** (Mengen, Zeitpunkte, Mischung mit Frischwasser) * **Untersuchung der Bodenentwicklung** unter Abwasserbewässerung (Versalzung, Mikrobiom) In Anbetracht des Klimawandels und der zunehmenden Wasserknappheit ist die Nutzung von aufbereitetem Abwasser ein vielversprechender Ansatz für eine nachhaltige Cannabiskultivierung – insbesondere in ariden Regionen wie dem Mittelmeerraum, Australien, dem Südwesten der USA und Teilen Afrikas. ===== Quellen ===== * [[https://doi.org/10.1186/s42238-026-00433-9|Bosco et al. (2026): Feasibility of medicinal cannabis cultivation in outdoor conditions using municipal reclaimed water – Journal of Cannabis Research]] * [[https://www.who.int/publications/i/item/9241546832|WHO (2006): Guidelines for the Safe Use of Wastewater, Excreta and Greywater]] * [[cannabis:forschung:2025-denton-wateruse-cannabis-sa|Denton et al. (2025): Water use and productivity of Cannabis sativa – Wasserverbrauch]] – siehe auch ===== Verwandte Artikel ===== * [[cannabis:anbau:bewaesserung|Bewässerung im Cannabis-Anbau]] * [[cannabis:anbau:outdoor|Outdoor-Anbau von Cannabis]] * [[cannabis:forschung:2025-denton-wateruse-cannabis-sa|Water use and WUE-Studie (Denton 2025)]] * [[cannabis:forschung|Forschung & Studien (Index)]] * [[cannabis:sicherheit|Sicherheit & Qualität]] ---- **Lizenz:** CC Attribution-Noncommercial-Share Alike 4.0 International