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Graham et al. (2026): Hoch-THC-Medizinalcannabis und unerwünschte Ereignisse – Analyse australischer TGA-Meldungen

Graham M, Tisdale C, Nielsen S, et al. A retrospective analysis of voluntary adverse event reports to the TGA with higher THC medicinal cannabis products. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry, 2026. DOI: 10.1177/00048674261445267 ( PMID: 42070285)

Diese retrospektive Analyse der Monash University (Melbourne, Australien) untersucht 1.124 unerwünschte Ereignisse aus 614 Meldungen an die australische Arzneimittelbehörde Therapeutic Goods Administration (TGA) zu medizinischem Cannabis. Die im Mai 2026 veröffentlichte Studie zeigt: Über die Hälfte aller gemeldeten Nebenwirkungen entfällt auf hochkonzentrierte THC-Produkte, wobei psychiatrische Störungen mit Abstand die häufigste Kategorie darstellen.

Stand: 2026-05-30


1. Hintergrund

Australien erlebt seit einigen Jahren eine rapide Ausweitung der Verschreibung von medizinischem Cannabis. Über 1.000 nicht-registrierte Medizinalcannabis-Produkte sind dort aktuell verschreibungsfähig – keines davon wurde von der TGA auf Wirksamkeit, Sicherheit oder Qualität geprüft. Gleichzeitig hat sich das Verschreibungsverhalten deutlich von niedrigkonzentrierten CBD/THC-Kombinationen hin zu höher konzentrierten THC-Produkten verschoben.

Diese Entwicklung wirft sicherheitspolitische Fragen auf: Gibt es Hinweise auf eine Zunahme unerwünschter Ereignisse im Zusammenhang mit höheren THC-Konzentrationen? Welche Nebenwirkungen dominieren? Und werden gefährdete Patientengruppen ausreichend überwacht?

Die vorliegende Studie knüpft an eine frühere Analyse der TGA-Meldedaten bis Anfang 2023 an – damals waren noch Erkrankungen des Nervensystems die führende Kategorie, und die meisten Meldungen betrafen CBD-THC-Kombinationsprodukte.

2. Methodik

Die Forscher werteten alle spontanen Meldungen unerwünschter Ereignisse (Adverse Event Reports) aus, die zwischen Mitte 2022 und Mai 2025 bei der TGA eingingen.

Kategorisierung der Produkte: Die TGA unterteilt Medizinalcannabis-Produkte in fünf Kategorien (Category 1–5), wobei Category 5 die höchsten THC-Konzentrationen umfasst (von 13 % bis über 88 % THC). Die Analyse konzentrierte sich auf den Vergleich der Nebenwirkungsprofile dieser Kategorien, insbesondere Category 5 vs. kategorien mit niedrigerem THC-Gehalt.

Eingeschlossene Meldungen: * 1.124 einzelne unerwünschte Ereignisse (Adverse Events) * 614 individuelle Meldungen (Reports) * Zeitraum: Mitte 2022 bis Mai 2025 * Quelle: TGA-Datenbank für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (DAEN)

Limitationen: Das Meldesystem der TGA ist freiwillig – die tatsächliche Zahl unerwünschter Ereignisse liegt Schätzungen zufolge deutlich höher (Untererfassung). Zudem erlaubt die retrospektive Analyse keine Aussage über die Inzidenzrate (da die Gesamtzahl der Verschreibungen/Patienten nicht bekannt ist), sondern nur über absolute Meldezahlen und deren Verteilung.

3. Zentrale Ergebnisse

3.1 Verteilung der Meldungen

THC-Kategorie Anteil an allen Meldungen
Category 5 (13–88 % THC) 54,1 % – über die Hälfte aller Adverse-Event-Meldungen
Category 1–4 (niedriger THC) 45,9 %

Produktform:

Produktform Häufigkeit
Getrocknete Blüten (Dried Flower) Am häufigsten betroffen
Flüssigkeiten zum Einnehmen (Oral Liquids) Zweithäufigste Kategorie
E-Zigaretten-Produkte (Vape Cartridges) Dritthäufigste Kategorie

3.2 Psychiatrische Nebenwirkungen dominant

Psychiatrische Störungen waren die führende Kategorie unerwünschter Ereignisse:

Kategorie Anteil an allen Meldungen
———–————————–
Psychiatrische Störungen (gesamt) 30,6 % aller Meldungen
Psychiatrische Störungen (Category 5) 31,9 % – noch höher bei THC-starken Produkten

Die häufigsten psychiatrischen Nebenwirkungen bei höher konzentrierten THC-Produkten: * Angststörungen/Anxiety – am häufigsten gemeldet * Psychotische Störungen (inkl. Paranoia) – zweithäufigste Kategorie * Suizidgedanken, Suizidverhalten oder Suizidversuche14 Fälle dokumentiert

3.3 Weitere Nebenwirkungskategorien

Kategorie Rang
Psychiatrische Störungen 1. (30,6 %)
Erkrankungen des Nervensystems 2.
Allgemeine Störungen/Beschwerden am Verabreichungsort 3.
Erkrankungen der Atemwege 4. – insbesondere bei inhalativem Konsum

3.4 Verschiebung im Vergleich zur Voranalyse

Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Wandel im Vergleich zur früheren TGA-Datenanalyse bis Anfang 2023:

Zeitraum Führende Nebenwirkung Häufigste Produktart
Bis Anfang 2023 Erkrankungen des Nervensystems CBD-THC-Kombinationsprodukte
Mitte 2022 bis Mai 2025 (aktuelle Studie) Psychiatrische Störungen Hoch-THC-Produkte (Category 5)

Diese Verschiebung korreliert mit der Veränderung des Verschreibungsverhaltens hin zu stärker THC-betonten Produkten.

4. Bewertung und Implikationen

Erstautorin Myfanwy Graham (Monash University) kommentiert:

„In unserer früheren Analyse betrafen die meisten Meldungen CBD-THC-Kombinationsprodukte. In dieser aktuellen Studie entfallen über die Hälfte aller Meldungen auf höher konzentrierte THC-Produkte – und psychiatrische Störungen, darunter Angstzustände, psychotische Störungen und Paranoia, sind die führenden unerwünschten Reaktionen. Wir sahen auch Berichte über Suizidgedanken und -verhalten. Diese Ergebnisse legen nahe, dass gefährdete Personen in der klinischen Praxis nicht wirksam gescreent und überwacht werden.“

Klinische Implikationen: * Patienten, denen hochkonzentrierte THC-Produkte verschrieben werden, sollten sorgfältig auf psychiatrische Risikofaktoren gescreent werden (Eigen- und Familienanamnese psychotischer Störungen, aktuelle Suizidgedanken) * Regelmäßige Nachuntersuchungen sind bei Hoch-THC-Produkten besonders wichtig * Die Ergebnisse stützen die Forderung nach einer besseren Regulierung und Qualitätskontrolle von Medizinalcannabis-Produkten

Übertragbarkeit auf Deutschland: Obwohl die Studie australische Daten verwendet, sind die Ergebnisse auch für den deutschen Markt relevant: * Auch in Deutschland ist der Trend zu höheren THC-Konzentrationen in medizinischen Produkten zu beobachten * Die deutsche MedCanG-Novelle 2025/2026 zielt ebenfalls auf strengere Verschreibungsregeln und mehr Patientensicherheit ab * Psychiatrische Risiken sollten bei der Verschreibung von hochkonzentrierten THC-Produkten auch in Deutschland beachtet werden

Einschränkungen der Studie: * Freiwilliges Meldesystem → deutliche Untererfassung der tatsächlichen Nebenwirkungen * Keine Inzidenzraten (da Nenner fehlt → Gesamtzahl der Verschreibungen/Patienten) * Retrospektiv → keine Kausalität nachweisbar * Keine Kontrollgruppe * Möglicher Reporting Bias (schwerwiegende Ereignisse werden eher gemeldet als milde)

5. Einordnung in die bestehende Studienlage

Die Ergebnisse der Monash-Studie reihen sich ein in eine wachsende Zahl von Publikationen, die auf die Risiken hochkonzentrierter THC-Produkte hinweisen:

Studie Jahr Kernaussage
——–——————-
Graham et al. (Monash/TGA) 2026 Hoch-THC-Produkte verursachen überproportional häufig psychiatrische Nebenwirkungen
Wilson et al. (Lancet Psychiatry) 2026 Cannabinoide zeigen keine Wirksamkeit bei Angst, Depression oder PTBS; Risiko psychotischer Symptome
Aviram et al. (J Cannabis Res) 2026 Unzureichende Evidenz für Cannabinoide bei PTBS
Kansagara et al. (JAMA Intern Med) 2026 Cannabis und psychische Gesundheit – systematischer Review mit gemischten Ergebnissen
Schuster et al. (J Headache Pain) 2026 Cannabinoide bei Migräne – begrenzte Evidenz

Die Studien zeichnen ein gemeinsames Bild: Während Cannabinoide bei bestimmten körperlichen Erkrankungen (Spastik bei MS, bestimmte Schmerzformen, seltene Epilepsieformen) wirksam sein können, ist die Evidenz für psychische Erkrankungen schwach bis negativ, während gleichzeitig die Risiken (insbesondere psychotische Symptome, Abhängigkeit) klarer hervortreten.

Quellen

* Graham M et al. (2026): A retrospective analysis of voluntary adverse event reports to the TGA with higher THC medicinal cannabis products. Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. → DOI: 10.1177/00048674261445267 / PubMed * Berichterstattung: Medical Xpress (7. Mai 2026): New research raises concerns about safety of higher-THC medicinal cannabis products in Australia. → medicalxpress.com * Wilson J et al. (2026): The efficacy and safety of cannabinoids for mental disorders – Lancet Psychiatry. → DOI: 10.1016/S2215-0366(26)00015-5 * Aviram J et al. (2026): Cannabinoids in PTSD – Scoping Review. → DOI: 10.1186/s42238-026-00451-7 * Kansagara D et al. (2026): Cannabis and Mental Health – JAMA Internal Medicine. → DOI: 10.1001/jamainternmed.2025.8215 / PubMed

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* THC, CBD & CBG im Vergleich – Wirkungen & Risiken * Risiken und Nebenwirkungen von Cannabis – Wissenschaftlich fundiert * Wilson et al. (2026): Cannabinoide für psychische Erkrankungen – Lancet-Psychiatry-Meta-Analyse * Aviram et al. (2026): Cannabinoide bei PTBS – Scoping Review * Recht: Deutschland – Cannabisgesetz (CanG) & MedCanG-Novelle


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