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Ishrat et al. (2026): Cannabis-Konsum, Kognition & Demenzrisiko bei älteren Erwachsenen – BMJ Mental Health

Eine große Beobachtungsstudie von Forschern der University of Oxford (NDPH & Department of Psychiatry) hat keine Hinweise darauf gefunden, dass Cannabiskonsum zu kognitivem Abbau im Alter beiträgt oder das Demenzrisiko erhöht. Die Studie wurde am 25. Februar 2026 im Fachjournal BMJ Mental Health veröffentlicht und nutzt Daten aus der UK Biobank sowie dem US Million Veteran Program (MVP).

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Stand: 2026-06-02


1. Hintergrund

Cannabis ist die weltweit am häufigsten konsumierte illegale Substanz, wobei der Konsum unter älteren Erwachsenen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat – insbesondere in Ländern mit medizinischer oder freizeitlicher Legalisierung.

Bisherige Studien zu den kognitiven Effekten von Cannabis lieferten inkonsistente Ergebnisse: Während einige Untersuchungen Zusammenhänge zwischen Cannabiskonsum und Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Abruffähigkeit und der Verarbeitungsgeschwindigkeit fanden, blieb unklar, ob und wie die psychoaktiven Inhaltsstoffe von Cannabis den allmählichen kognitiven Abbau im Alter oder neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz beeinflussen.

Frühere Studien zu Cannabis und Kognition bei älteren Erwachsenen: * Guha et al. (2025/2026): UK-Biobank-Analyse mit 25.800 Teilnehmenden (40–70 Jahre) – lebenslanger Cannabiskonsum war mit größeren Gehirnvolumina und besseren kognitiven Leistungen assoziiert (siehe separaten Artikel) * Karoly et al. (2021): Vergrößerte subkortikale Volumina bei älteren Cannabiskonsumenten – allerdings kleine Stichproben * Die vorliegende Studie schließt eine wesentliche Forschungslücke, indem sie erstmals den Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum, kognitiver Leistungsfähigkeit und Demenzrisiko in großen, populationsbasierten Kohorten untersucht.


2. Studiendesign & Methoden

Die Studie kombinierte Beobachtungsanalysen mit genetischen Methoden (Mendelsche Randomisierung), um kausale Zusammenhänge zu identifizieren.

Kriterium Beschreibung
Datenquellen UK Biobank (UKB) + US Million Veteran Program (MVP)
UKB Teilnehmende (Kognition) bis zu 18.975 Cannabiskonsumenten, 60.598 Nicht-Konsumenten
MVP Teilnehmende (Demenz) 12.222 mit Cannabisabhängigkeit (CanUD)
Altersspanne 40–70+ Jahre
Design Querschnitt + Längsschnitt + Mendelsche Randomisierung
Kognitive Tests (UKB) Numerisches Gedächtnis, Paarvergleich, Problemlösung, fluide Intelligenz, Reaktionszeit
Demenz-Endpunkt (MVP) Erstmalige Demenzdiagnose (alle Ursachen)
Follow-up (Längsschnitt) Mehrere Jahre (UKB)
Publikation 25. Februar 2026, BMJ Mental Health

Kohorten-Details: * UK Biobank: Cannabiskonsumenten wurden eingeteilt in Niedrigfrequenz (1–10 Konsumereignisse) und Hochfrequenz (11–100+ Konsumereignisse), basierend auf Selbstauskunft * Million Veteran Program: Cannabiskonsumenten wurden identifiziert über eine diagnostizierte „Cannabis Use Disorder“ (CanUD) in den elektronischen Gesundheitsakten

Mendelsche Randomisierung (MR): Die MR-Analyse nutzte genetische Instrumente, um potenzielle kausale Beziehungen zwischen Cannabiskonsum, kognitiver Funktion und Demenzrisiko zu untersuchen. Da genetische Varianten (z. B. solche, die mit Cannabiskonsum assoziiert sind) zufällig verteilt und nicht durch Lebensstilfaktoren beeinflusst werden, können MR-Analysen Confounding reduzieren und Kausalitätshinweise liefern.


3. Zentrale Ergebnisse

3.1 Kognitive Leistung (UK Biobank)

Zu Studienbeginn (Querschnitt): Cannabiskonsumenten zeigten moderat bessere Leistungen in einigen kognitiven Tests: * Numerisches Gedächtnis: Beta = 0,07; 95%-KI 0,06–0,09; p < 0,001 * Fluide Intelligenz: Beta = 0,12; 95%-KI 0,10–0,13; p < 0,001

Im Längsschnitt (kognitiver Verlauf über Zeit): * ✅ Keine signifikanten Unterschiede im kognitiven Abbau zwischen Konsumenten und Nicht-Konsumenten * Cannabis-Konsum war nicht mit beschleunigtem kognitiven Altern assoziiert

Wichtige Einschränkung: Die Autorin Saba Ishrat (Oxford) betont: *„Obwohl Cannabiskonsumenten bei einigen Tests zu Studienbeginn etwas besser abschnitten, sollte dies nicht als Verbesserung der Kognition durch Cannabis interpretiert werden. Die beobachteten Unterschiede lassen sich wahrscheinlich durch zugrundeliegende demografische, bildungsbezogene und sozioökonomische Faktoren erklären, die sich zwischen Konsumenten und Nicht-Konsumenten unterscheiden – nicht durch eine schützende Wirkung von Cannabis selbst.”*

3.2 Demenzrisiko (MVP)

* Cannabisabhängigkeit (CanUD) war nicht signifikant mit Demenzrisiko assoziiert * Hazard Ratio (HR) = 1,11; 95%-KI 0,97–1,26; p = 0,12 * ✅ Kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und Demenzrisiko

3.3 Mendelsche Randomisierung (Kausalanalyse)

* Die MR-Analysen lieferten keine Hinweise auf kausale Beziehungen zwischen Cannabiskonsum und kognitiver Leistungsfähigkeit oder Demenzrisiko * Dies gilt für beide Richtungen: weder scheint Cannabiskonsum Kognition/Demenz zu beeinflussen, noch bestehen genetische Prädispositionen, die sowohl Cannabiskonsum als auch Demenzrisiko gemeinsam erklären würden


4. Einordnung & Bedeutung

4.1 Was die Studie bedeutet

Die Ergebnisse der Oxford-Studie sind aus mehreren Gründen bedeutsam:

1. Beruhigende Evidenz für ältere Cannabiskonsumenten: Die Studie liefert keine Hinweise darauf, dass früherer oder gelegentlicher Cannabiskonsum das Risiko für kognitiven Abbau oder Demenz im Alter erhöht

2. Größte Studie dieser Art: Mit fast 19.000 Cannabiskonsumenten in der UK Biobank und über 12.000 mit Cannabisabhängigkeit im MVP ist es die bislang umfangreichste Untersuchung zu diesem Thema

3. Methodische Stärke: Die Kombination aus Beobachtungsdaten, Längsschnittanalyse und genetischer Kausalanalyse (Mendelsche Randomisierung) erhöht die Aussagekraft der Ergebnisse erheblich

4. Klinische Implikationen: Wie die Autoren betonen: *„Cannabiskonsum bei älteren Erwachsenen scheint weder mit schnellerem kognitiven Abbau noch mit höherem Demenzrisiko verbunden zu sein. Gelegentlicher oder früherer Konsum beeinträchtigt das kognitive Altern möglicherweise nicht wesentlich.“*

4.2 Einschränkungen

Die Autoren weisen auf mehrere Limitationen hin:

Einschränkung Beschreibung
—————————-
Selektionsbias (UKB) UK-Biobank-Teilnehmende sind gesünder als die Allgemeinbevölkerung – weniger starke Cannabiskonsumenten
Selektionsbias (MVP) MVP-Diagnosen von Cannabisabhängigkeit (CanUD) bilden eher schwere Fälle ab
Keine Dosismessung Die Potenz des konsumierten Cannabis konnte nicht gemessen werden
Selbstauskunft Cannabiskonsum in der UKB basiert auf Selbstauskunft (mögliche Unter-/Überberichterstattung)
Beobachtungsdesign Trotz MR können keine endgültigen Kausalschlüsse gezogen werden

Wichtig: Dr. Anya Topiwala (Oxford Population Health) warnt: *„Dies sollte nicht so interpretiert werden, dass Cannabis risikofrei ist. Cannabiskonsum ist mit anderen negativen gesundheitlichen Folgen verbunden, und weitere Forschung zu den Effekten von hochdosiertem, langfristigem Konsum auf die Gehirngesundheit im späteren Leben ist notwendig.”*

4.3 Abgrenzung zur Guha-Studie

Die Ergebnisse stehen im Einklang mit der zeitgleich veröffentlichten Studie von Guha et al. (2025/2026) aus der UK Biobank, die ebenfalls größere regionale Gehirnvolumina bei Cannabiskonsumenten fand. Beide Studien basieren auf derselben Kohorte (UK Biobank), untersuchen jedoch unterschiedliche Endpunkte:

Aspekt Ishrat et al. (2026) Guha et al. (2025/2026)
——–———————-————————–
Fokus Kognitiver Abbau + Demenzrisiko Gehirnvolumen + kognitive Leistung
Stichprobe (Kognition) n = 79.573 (19k User, 60k Non-User) n = 25.809 (mit MRT)
Kernergebnis Kein Zusammenhang mit kognitivem Abbau/Demenz Größere Volumina + bessere Kognition
Kausalität Mendelsche Randomisierung (nein) Keine Kausalanalyse
Klinische Relevanz Beruhigend für gelegentliche Nutzer Hypothese: Neuroprotektion durch CB1-Rezeptor-Modulation

→ Siehe: Guha et al.: Cannabis & Gehirnvolumen


5. Quellen

* Originalpublikation: Ishrat S, Levey DF, Gelernter J, Ebmeier KP, Topiwala A (2026). Cannabis use, cognitive function and dementia risk in older adults: observational and genetic analyses. *BMJ Mental Health*, 29, e302290. DOI: 10.1136/bmjment-2025-302290 * Oxford NDPH Pressemitteilung: Study finds no links between cannabis use and cognitive decline or dementia in older adults (25.02.2026) * Drugs and Alcohol Ireland (Zusammenfassung): Ishrat et al. (2026) – cannabis, cognitive function, dementia * University of Oxford – Department of Psychiatry: Saba Ishrat, DPhil Candidate * Oxford Population Health: Dr. Anya Topiwala, Senior Clinical Researcher

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