Stand: 2026-06-02
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betrifft in Deutschland etwa 2–6 % der Kinder und rund 3 % der Erwachsenen. Während die Standardtherapie auf Methylphenidat und Verhaltenstherapie setzt, berichten viele Betroffene von Selbstmedikation mit Cannabis. Dieser Artikel fasst den aktuellen wissenschaftlichen Stand (2017–2026) zu Cannabinoiden bei ADHS zusammen.
ADHS ist eine neuropsychiatrische Erkrankung mit drei Kernsymptomen:
Die Ursachen sind multifaktoriell: Eine starke genetische Komponente (70–80 % Heritabilität) sowie Umweltfaktoren wie Stress oder Tabakkonsum während der Schwangerschaft gelten als gesichert.
Neue Forschungserkenntnisse deuten darauf hin, dass das Endocannabinoid-System (ECS) eine Schlüsselrolle bei ADHS spielen könnte.
Zentrale Mechanismen:
Eine Übersichtsarbeit von Ryan et al. (2024) beschreibt, dass neurobiologische Korrelate zwischen der endogenen Cannabinoid-Funktion und kognitiven Dysfunktionen bei ADHS bestehen. Das ECS wird daher als mögliches therapeutisches Target betrachtet.
Quelle: Ryan et al. (2024): ADHD, Cannabis Use, and the ECS – A Scoping Review. Dev Psychobiol.
Bislang existiert nur eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie zu Cannabinoiden bei ADHS – die EMA-C-Studie (Experimental Medicine in ADHD-Cannabinoids). Dies bestätigt auch das Scoping Review von Cooling et al. (2026), das unter 28 eingeschlossenen RCTs zu medizinischem Cannabis bei psychischen Störungen nur eine einzige Studie zu ADHS identifizierteCooling S et al. (2026). Randomised Controlled Trial Evidence on Medicinal Cannabis for Mental Health. Clin Drug Investig, 46(1):5-36.:
| Aspekt | Details |
| ——– | ——— |
| Teilnehmer | 30 Erwachsene mit ADHS |
| Intervention | Sativex Spray (1:1 THC:CBD), 6 Wochen |
| Primärer Endpunkt | Kognitive Leistung & Aktivitätsniveau (QbTest) |
| Sekundäre Endpunkte | ADHS-Symptome, emotionale Labilität |
Ergebnisse:
Fazit der Autoren: Die Studie liefert vorläufige Evidenz für die Selbstmedikationstheorie und unterstreicht den Bedarf an weiterer Forschung.
Eine groß angelegte US-Online-Befragung von Ryan et al. (2025/2026) unter 900 Erwachsenen mit gesicherter ADHS-Diagnose (ICD-10-Codes im elektronischen Patientenregister, sekundär durch Selbstauskunft verifiziert) untersuchte die Prävalenz des Cannabiskonsums sowie dessen Auswirkungen auf Symptome und Nebenwirkungen von verschreibungspflichtigen Stimulanzien.
Zentrale Ergebnisse:
Die Studie ergänzt damit die bisherige Forschung von Ryan et al. (2024, Dev Psychobiol) um konkrete Prävalenzdaten aus einer großen Stichprobe.
Laut der fünfjährigen BfArM-Begleiterhebung (2017–2022) machte die ADHS-Behandlung rund 1 % der medizinischen Cannabisverschreibungen aus. Viele weitere Patientinnen und Patienten finanzieren ihre Therapie selbst.
Der ADHS Deutschland e. V. hat 2025 eine aktualisierte Stellungnahme veröffentlicht. Darin wird die aktuelle Studienlage als unzureichend bewertet, um eine generelle Empfehlung für Cannabis bei ADHS auszusprechen. Gleichzeitig wird die Notwendigkeit weiterer Forschung betont und auf das erhöhte Abhängigkeitsrisiko bei ADHS hingewiesen.
Quelle: ADHS Deutschland e.V. (2025): Cannabis-Medikation bei ADHS – Ja oder Nein?
Empfehlung: Ein ausgewogenes THC:CBD-Verhältnis (1:1 bis 2:1) scheint am vielversprechendsten für ADHS-Patienten.
| Risiko | Beschreibung |
| ——– | ————- |
| Abhängigkeitsrisiko | ADHS-Patienten haben ein 2–3× höheres Risiko für CannabisabhängigkeitDrugcom (2023): ADHS und Cannabisabhängigkeit, gestützt auf Silczuk et al., 2023 |
| Kognitive Effekte | Langfristiger Konsum kann Exekutivfunktionen beeinträchtigen |
| Methylphenidat-Interaktion | Gleichzeitige Einnahme von THC und Methylphenidat kann Herzfrequenz erhöhen |
| Psychotische Symptome | Bei hohen THC-Dosen und genetischer Vulnerabilität möglich. Ein systematischer Review von Suetani et al. (2026) fand jedoch keine Hinweise auf ein spezifisch erhöhtes Psychoserisiko für ADHS-Patienten durch CannabiskonsumSuetani S et al. (2026). The risk of psychosis associated with cannabis use by people with ADHD: A systematic review. Australas Psychiatry.. |
| Kostenübernahme | Medizinisches Cannabis wird bei ADHS in der Regel nicht von Krankenkassen übernommen |
Seit April 2024 ist medizinisches Cannabis in Deutschland auf regulärem Rezept verordnungsfähig (Medizinal-Cannabisgesetz). Voraussetzung: Es liegt eine schwerwiegende Erkrankung vor und andere Therapien haben nicht ausreichend geholfen.