Migräne betrifft weltweit etwa 15 % der Bevölkerung und ist eine der häufigsten Ursachen für Beeinträchtigungen im Alltag. Während viele Betroffene zu Cannabinoiden greifen, fehlte bis 2026 die klinische Evidenz aus placebokontrollierten Studien. Mit der ersten randomisierten kontrollierten Studie (RCT) zu Cannabis bei akuter Migräne hat sich die Datenlage grundlegend verbessert.
Stand: 2026-06-19
→ Originalstudie: Schuster et al. (2026) – Headache Journal → Cannabis bei chronischen Schmerzen – Evidenzlage 2026 → Endocannabinoid-System (ECS) → Konsumformen im Überblick
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich von Spannungskopfschmerz deutlich unterscheidet:
| Merkmal | Migräne | Spannungskopfschmerz |
| ——— | ——— | ——————— |
| Schmerztyp | Pulsierend, pochend | Drückend, beengend |
| Lokalisation | Oft einseitig | Beidseitig, diffus |
| Dauer | 4–72 Stunden (unbehandelt) | 30 Minuten–7 Tage |
| Begleitsymptome | Übelkeit, Licht-/Geräuschempfindlichkeit, Aura | Selten |
| Bewegung | Verstärkt Schmerz | Keine Verstärkung |
Migräne mit Aura: Bei etwa 25 % der Betroffenen treten vor der Kopfschmerzphase neurologische Symptome auf (visuelle Störungen, Kribbeln, Sprachstörungen), die 5–60 Minuten anhalten.
Die Pathophysiologie der Migräne umfasst eine komplexe Interaktion zwischen trigeminalem Schmerzsystem, zerebraler Durchblutung, Neuroinflammation und dem Endocannabinoid-System.
Das Endocannabinoid-System (ECS) ist an mehreren Punkten der Migränepathophysiologie beteiligt:
* CB₁-Rezeptoren finden sich in hoher Dichte im trigeminalen Ganglion und im periaquäduktalen Grau – beides Schlüsselregionen der Migräne-Entstehung * Anandamid (AEA) wirkt als natürlicher CB₁-Agonist und hat unter anderem eine hemmende Wirkung auf die Freisetzung von Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) – einem zentralen Molekül der Migräne * 2-AG ist im Liquor von Migräne-Patienten während der Attacke verändert, was auf eine Beteiligung des ECS an der Schmerzregulation hindeutet
Studien zeigten, dass Migräne-Patienten einen erniedrigten Anandamid-Spiegel im Plasma haben, was auf eine chronische Unterfunktion des ECS als möglichen Risikofaktor hindeutet (endocannabinoide Defizit-Hypothese).
Die bislang wichtigste klinische Studie zu Cannabis bei akuter Migräne wurde im Februar 2026 im Journal Headache veröffentlicht (Schuster NM et al., UC San Diego).
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Crossover-Studie mit 92 Erwachsenen mit Migräne (mit/ohne Aura, ≥1 Attacke/Monat):
| Gruppe | Cannabinoid-Gehalt | n (Attacken) |
| ——– | ——————- | ————- |
| THC-dominant | 6 % THC, <0,1 % CBD | 64 |
| CBD-dominant | 11 % CBD, <0,1 % THC | 60 |
| THC + CBD (Kombination) | 6 % THC + 11 % CBD | 58 |
| Placebo | <0,001 % THC/CBD | 65 |
Applikation: 4 Inhalationszüge aus einem vaporisierten Cannabis-Blütenprodukt innerhalb der ersten 4 Stunden nach Migränebeginn. Auswaschphase: ≥1 Woche.
| Endpunkt | THC + CBD | THC | CBD | Placebo |
|---|---|---|---|---|
| Schmerzlinderung (2 h) | 67,2 % ♦ | 68,9 % ♦ | 44,1 % | 46,6 % |
| Schmerzfreiheit (2 h) | 34,5 % ♦ | 26,6 % | 13,6 % | 15,5 % |
| Symptomfreiheit (2 h) | 60,3 % ♦ | 56,3 % | 39,0 % | 34,5 % |
| Anhaltende Schmerzfreiheit (24 h) | 27,6 % ♦ | 21,9 % | 16,9 % | 13,8 % |
| Symptomfreiheit (48 h) | 51,7 % ♦ | 50,0 % | 30,5 % | 27,6 % |
♦ = statistisch signifikant vs. Placebo (p<0,05)
Kernerkenntnisse: * THC + CBD (Kombination) war durchgängig am wirksamsten – Hinweis auf einen Entourage-Effekt * THC allein (6 %) verbesserte die Schmerzlinderung signifikant, aber nicht die Schmerzfreiheit * CBD allein (11 %) zeigte keine Überlegenheit gegenüber Placebo – THC scheint für die akute Migränebehandlung notwendig * Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen – häufigste: Benommenheit, Mundtrockenheit, leichter Schwindel (alle mild und vorübergehend)
Die etablierte Akuttherapie der Migräne umfasst:
| Wirkstoffklasse | Beispiele | Wirksamkeit | Nebenwirkungen |
|---|---|---|---|
| Triptane | Sumatriptan, Rizatriptan | 59–77 % Schmerzlinderung (2 h) | Übelkeit, Kribbeln, Engegefühl |
| CGRP-Antagonisten (Gepante) | Rimegepant, Ubrogepant | 55–65 % Schmerzlinderung (2 h) | Übelkeit, Müdigkeit |
| NSAR/Paracetamol | Ibuprofen, ASS, Paracetamol | 40–55 % Schmerzlinderung (2 h) | Magenprobleme, Leber (Paracetamol) |
| Cannabis (THC + CBD) | Vaporisiert (6 %+11 %) | 67,2 % Schmerzlinderung (2 h) | Benommenheit (leicht, vorübergehend) |
Die Cannabis-Kombination THC + CBD erreicht eine mit Triptanen vergleichbare Wirksamkeit, bei einem anderen Nebenwirkungsprofil (keine kardiovaskulären Risiken wie bei Triptanen). Einschränkend ist zu beachten: * Die Studie verwendete nur eine Applikationsform (Inhalation/Vaporisation) * Nur eine Dosierung wurde getestet (keine Dosis-Wirkungs-Kurve) * Akuttherapie, nicht prophylaktisch * Kurze Beobachtungsdauer – keine Langzeitdaten
Was die Evidenz sagt: * Cannabis (insb. THC + CBD, vaporisiert) kann bei akuten Migräneattacken als Alternative oder Ergänzung zu konventionellen Akutmedikamenten erwogen werden * Die gute Verträglichkeit und das Ausbleiben kardiovaskulärer Nebenwirkungen macht es für Patienten interessant, die Triptane nicht vertragen oder Kontraindikationen haben
Was nicht belegt ist: * Wirksamkeit zur Migräne-Prophylaxe (keine Studien) * Langzeitsicherheit bei häufigem/repetitivem Gebrauch * Wirksamkeit von anderen Darreichungsformen (oral, sublingual) * Optimale Dosierung jenseits der getesteten Konzentration
* Medication-Overuse-Headache (MOH): Wie bei allen Akutmedikamenten besteht bei zu häufigem Einsatz (>10 Tage/Monat) das Risiko eines medikamenteninduzierten Kopfschmerzes. Daten zu Cannabis-spezifischem MOH liegen noch nicht vor. * Verkehrstüchtigkeit: Cannabis macht auch in niedriger Dosierung nicht verkehrstauglich – insbesondere während der akuten Migräneattacke (mit oder ohne Behandlung) sollte kein Fahrzeug geführt werden. * Jugendliche & junge Erwachsene: Aufgrund der Risiken für die Gehirnentwicklung ist Cannabis bei unter 25-Jährigen mit besonderer Vorsicht zu bewerten. * Schwangerschaft & Stillzeit: Keine Anwendung.
Die Schuster-Studie ist ein Meilenstein, wirft aber auch Fragen auf: * Wirksamkeit von oralen/sublingualen Cannabis-Formulierungen bei Migräne * Dosisoptimierung (höhere vs. niedrigere THC-Konzentrationen) * Prophylaktische Wirksamkeit bei häufiger Migräne (>4 Attacken/Monat) * Vergleich mit Triptanen und CGRP-Antagonisten in Head-to-Head-Studien * Cannabis-Sorten-spezifische Unterschiede (Terpenprofile, Strain-spezifische Effekte)
* Schuster NM et al. (2026): Vaporized cannabis versus placebo for acute migraine: A randomized, double-blind, placebo-controlled crossover trial. Headache, 66(2):365-376. → DOI: 10.1111/head.70025 | PMC12872409 * Medical Xpress (2026): New research shows cannabis is effective for acute migraine treatment → Artikel * Russo EB (2016): Clinical Endocannabinoid Deficiency Reconsidered. Cannabis and Cannabinoid Research, 1-22. → DOI: 10.1089/can.2016.0009 * Leimena R et al. (2024): The Role of the Endocannabinoid System in Migraine. International Journal of Molecular Sciences. → DOI: 10.3390/ijms251810317