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Cannabis and Mental Health: A Review (JAMA Internal Medicine 2026)

Kansagara D, et al. (2026). Cannabis and Mental Health: A Review. JAMA Internal Medicine. PMID: 41801216 | DOI: 10.1001/jamainternmed.2025.8215

Diese Übersichtsarbeit des Portland VA Medical Center / Oregon Health & Science University unter Leitung von Dr. Devan Kansagara fasst die aktuelle Evidenz zu Nutzen und Risiken von Cannabis bei psychischen Erkrankungen zusammen. Sie erschien im März 2026 parallel zur großen Lancet-Psychiatry-Meta-Analyse (Wilson et al.) und ergänzt diese um eine breitere Evidenzgrundlage (inkl. Beobachtungsstudien).

Stand: 2026-05-24 | Neu aufgenommen

Hintergrund

Cannabis wird weltweit von Menschen mit psychischen Erkrankungen häufig konsumiert – viele berichten, dass sie Cannabis zur Selbstmedikation bei Angst, Depression, PTBS und anderen psychischen Störungen einsetzen. Gleichzeitig ist die Studienlage zu Nutzen und Risiken unzureichend. Diese Übersichtsarbeit (Review, keine Meta-Analyse) wertete systematisch randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und Beobachtungsstudien aus.

Quelle: JAMA Internal Medicine – Abstract

Zentrale Ergebnisse

Nutzen (Wirksamkeit)

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Evidenz für einen Nutzen von Cannabis bei psychischen Erkrankungen insgesamt unzureichend ist:

Indikation Evidenz Detail
PTBS Niedrig THC-dominantes Cannabis zeigte keine Verbesserung der Symptome in RCTs
Angststörungen Niedrig Unzureichende Evidenz für THC-dominantes Cannabis; CBD allein zeigte in ersten Studien vielversprechende anxiolytische Effekte
Depression Unzureichend Weder für noch gegen THC-Cannabis bei Depression ausreichende Daten
ADHS Unzureichend Keine ausreichende Evidenz für Nutzen bei Aufmerksamkeitsstörungen

1)

Risiken (Schaden)

Die Risikobewertung fällt deutlich klarer aus. Besonders THC-dominante Produkte bergen erhebliche Risiken:

Risiko Bevölkerungsgruppe Effektstärke
——–——————-————–
Psychose Jugendliche & junge Erwachsene (regelmäßiger Konsum von hochpotentem THC) 2- bis 11-fach erhöhtes Risiko
Verschlechterung manischer Symptome Personen mit bipolarer Störung Deutliche Funktionsverschlechterung
Psychotische Symptome Personen mit psychotischen Störungen (Schizophrenie-Spektrum) Zunahme der Positivsymptome
Cannabiskonsumstörung (CUD) Alle Konsumenten mit Konsum im letzten Jahr ~30 % (3 von 10) erfüllen Kriterien einer CUD
Moderate/schwere CUD Personen mit CUD ~50 % weisen moderate oder schwere Ausprägung auf
Selbstverletzung Personen mit affektiven Störungen Erhöhtes Risiko bei regelmäßigem Konsum

2)

Besonders relevante Aussagen für die Praxis

1. CBD als Ausnahme: Während THC-dominiertes Cannabis bei Angststörungen nicht wirkt, gibt es „emerging low-certainty evidence“ (aufkommende Evidenz niedriger Sicherheit), dass CBD allein Angstsymptome reduzieren kann. Dies deckt sich mit den Ergebnissen des systematischen Reviews von 2024 (Life, PMC11595441).

2. Keine Evidenz für Langzeiteffekte bei Depression/ADHS: Es gibt weder ausreichende Belege für einen Nutzen noch für eine Verschlechterung durch THC-Cannabis bei Depression und ADHS – ein überraschendes Forschungsdesiderat angesichts der weiten Verbreitung.

3. Hohe CUD-Rate: Die Feststellung, dass 30 % der vergangenen-Jahr-Konsumenten die Kriterien einer Cannabiskonsumstörung erfüllen, unterstreicht die klinische Relevanz. Etwa die Hälfte davon (15 % aller Konsumenten) weist moderate bis schwere Verläufe mit negativen sozialen und beruflichen Konsequenzen auf.

Im Vergleich zur Lancet-Psychiatry-Meta-Analyse 2026

Beide Arbeiten erschienen im März 2026 und ergänzen sich:

Kriterium JAMA Internal Medicine (Kansagara) Lancet Psychiatry (Wilson)
———–———————————–—————————
Studientyp Narratives Review Systematische Meta-Analyse
Evidenzquellen RCTs + Beobachtungsstudien Nur RCTs
Anzahl Studien Breiterer Ansatz 54 RCTs, 2.477 Patienten
Angst CBD vielversprechend, THC keine Evidenz Keine Signifikanz für Cannabinoide insgesamt
Psychose-Risiko 2- bis 11-fach erhöht Nicht untersucht (Sicherheit)
CUD-Prävalenz ~30 % der Jahreskonsumenten Nicht im Fokus
Stärke Klinische Praxisrelevanz Methodische Strenge

3)

Empfehlungen für die klinische Praxis

Die Autoren leiten aus ihrer Analyse folgende Handlungsempfehlungen ab:

1. Keine generelle Cannabistherapie bei psychischen Störungen – Die Evidenz reicht nicht aus, um Cannabis für die Behandlung von Angst, Depression, PTBS oder ADHS zu empfehlen 2. Risikogruppen meiden Cannabis – Jugendliche, Menschen mit bipolarer/psychotischer Störung, Schwangere und Suchtgefährdete sollten komplett auf THC-Cannabis verzichten 3. CBD als mögliche Option – Bei Angststörungen kann ein strukturierter Versuch mit CBD (nicht THC) unter ärztlicher Begleitung erwogen werden 4. Aufklärung über CUD – Die hohe CUD-Prävalenz muss Teil der ärztlichen Aufklärung sein 5. Konsum als modifizierbarer Risikofaktor – Cannabiskonsum ist ein wichtiger, beeinflussbarer Risikofaktor für psychische Erkrankungen in bestimmten Bevölkerungsgruppen

Einschränkungen

* Narratives Review, keine quantitative Meta-Analyse * Heterogenität der Studien (unterschiedliche Produkte, Dosen, Patientengruppen) * Große Evidenzlücken – viele Indikationen unzureichend untersucht * Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass „cannabis is not one thing” – verschiedene Cannabinoide haben unterschiedliche Wirkprofile

Rezeption in der Öffentlichkeit

Das JAMA-Review wurde – gemeinsam mit der Lancet-Psychiatry-Studie – breit in den Medien rezipiert und führte zu einer erneuten Debatte über die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und wissenschaftlicher Evidenz zu Cannabis bei psychischen Erkrankungen. Die NPR titelte: “Sparse evidence for cannabis to treat mental health conditions highlights research gap.”

Quellen

* Kansagara D, et al. (2026). Cannabis and Mental Health: A Review. JAMA Internal Medicine. DOI: 10.1001/jamainternmed.2025.8215 | PMID: 41801216 * Wilson J, et al. (2026). The efficacy and safety of cannabinoids for the treatment of mental disorders and substance use disorders: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry, 13(4):304-315. DOI: 10.1016/S2215-0366(26)00015-5 | PMID: 41856154 * NPR (17.03.2026): Sparse evidence for cannabis to treat mental health conditions highlights research gap. Link * Spiegel (17.03.2026): Hilft Cannabis wirklich bei Depressionen, Angststörungen oder Autismus? Link

Siehe auch

* CBD & Schizophrenie (Marchi et al. 2026) – Meta-Analyse CBD bei Psychosen * Risiken & Nebenwirkungen – Cannabis Sicherheitsprofil * Cannabis bei Angststörungen – Evidenzlage 2026 * Cannabis & Fahrtüchtigkeit – THC, Verkehrssicherheit & Rechtslage


Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0 | Stand: 2026-05-24 | Tags: #cannabis #forschung #mentalhealth #psychiatry #jama #review #2026

1)
Kansagara et al., 2026, JAMA Internal Medicine
2)
Kansagara et al., 2026