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Cannabis bei ADHS: Wissenschaftliche Perspektive

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betrifft in Deutschland etwa 2–6 % der Kinder und rund 3 % der Erwachsenen. Während die Standardtherapie auf Methylphenidat und Verhaltenstherapie setzt, berichten viele Betroffene von Selbstmedikation mit Cannabis. Dieser Artikel fasst den aktuellen wissenschaftlichen Stand (2017–2026) zu Cannabinoiden bei ADHS zusammen.

Was ist ADHS?

ADHS ist eine neuropsychiatrische Erkrankung mit drei Kernsymptomen:

Die Ursachen sind multifaktoriell: Eine starke genetische Komponente (70–80 % Heritabilität) sowie Umweltfaktoren wie Stress oder Tabakkonsum während der Schwangerschaft gelten als gesichert.

Das Endocannabinoid-System bei ADHS

Neue Forschungserkenntnisse deuten darauf hin, dass das Endocannabinoid-System (ECS) eine Schlüsselrolle bei ADHS spielen könnte.

Zentrale Mechanismen:

Eine Übersichtsarbeit von Ryan et al. (2024) beschreibt, dass neurobiologische Korrelate zwischen der endogenen Cannabinoid-Funktion und kognitiven Dysfunktionen bei ADHS bestehen. Das ECS wird daher als mögliches therapeutisches Target betrachtet.

Quelle: Ryan et al. (2024): ADHD, Cannabis Use, and the ECS – A Scoping Review. Dev Psychobiol.

Die EMA-C Studie (Cooper et al. 2017)

Bislang existiert nur eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie zu Cannabinoiden bei ADHS – die EMA-C-Studie (Experimental Medicine in ADHD-Cannabinoids):

Aspekt Details
——–———
Teilnehmer 30 Erwachsene mit ADHS
Intervention Sativex Spray (1:1 THC:CBD), 6 Wochen
Primärer Endpunkt Kognitive Leistung & Aktivitätsniveau (QbTest)
Sekundäre Endpunkte ADHS-Symptome, emotionale Labilität

Ergebnisse:

Fazit der Autoren: Die Studie liefert vorläufige Evidenz für die Selbstmedikationstheorie und unterstreicht den Bedarf an weiterer Forschung.

Quelle: Cooper et al. (2017): Cannabinoids in ADHD – A Randomised-Controlled Trial. Eur Neuropsychopharmacol.

Weitere Forschungsergebnisse

Prävalenz von Cannabiskonsum bei ADHS

Quelle: Drugcom (2023): ADHS und Cannabisabhängigkeit

Aktuelle Studie: Ryan et al. (2025/2026)

Eine groß angelegte US-Online-Befragung von Ryan et al. (2025/2026) unter 900 Erwachsenen mit gesicherter ADHS-Diagnose (ICD-10-Codes im elektronischen Patientenregister, sekundär durch Selbstauskunft verifiziert) untersuchte die Prävalenz des Cannabiskonsums sowie dessen Auswirkungen auf Symptome und Nebenwirkungen von verschreibungspflichtigen Stimulanzien.

Zentrale Ergebnisse:

Die Studie ergänzt damit die bisherige Forschung von Ryan et al. (2024, Dev Psychobiol) um konkrete Prävalenzdaten aus einer großen Stichprobe.

Quelle: Ryan JE et al. (2025/2026). Cannabis Use in a Community-Based Sample of Adults Diagnosed With ADHD. J Atten Disord, 30(3):407-422.

Klinische Erfahrungen in Deutschland

Laut der fünfjährigen BfArM-Begleiterhebung (2017–2022) machte die ADHS-Behandlung rund 1 % der medizinischen Cannabisverschreibungen aus. Viele weitere Patientinnen und Patienten finanzieren ihre Therapie selbst.

ADHS Deutschland e. V. – Stellungnahme 2025

Der ADHS Deutschland e. V. hat 2025 eine aktualisierte Stellungnahme veröffentlicht. Darin wird die aktuelle Studienlage als unzureichend bewertet, um eine generelle Empfehlung für Cannabis bei ADHS auszusprechen. Gleichzeitig wird die Notwendigkeit weiterer Forschung betont und auf das erhöhte Abhängigkeitsrisiko bei ADHS hingewiesen.

Quelle: ADHS Deutschland e.V. (2025): Cannabis-Medikation bei ADHS – Ja oder Nein?

Wirkmechanismen von THC und CBD bei ADHS

THC (Tetrahydrocannabinol)

CBD (Cannabidiol)

Empfehlung: Ein ausgewogenes THC:CBD-Verhältnis (1:1 bis 2:1) scheint am vielversprechendsten für ADHS-Patienten.

Quelle: ADxS.org: Cannabinoids for ADHD and Stress

Risiken und Nebenwirkungen

Risiko Beschreibung
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Abhängigkeitsrisiko ADHS-Patienten haben ein 2–3× höheres Risiko für Cannabisabhängigkeit
Kognitive Effekte Langfristiger Konsum kann Exekutivfunktionen beeinträchtigen
Methylphenidat-Interaktion Gleichzeitige Einnahme von THC und Methylphenidat kann Herzfrequenz erhöhen
Psychotische Symptome Bei hohen THC-Dosen und genetischer Vulnerabilität möglich
Rechtliche Grauzone Medizinisches Cannabis wird bei ADHS selten von KK übernommen

Praktische Hinweise für Betroffene

Seit April 2024 ist medizinisches Cannabis in Deutschland auf regulärem Rezept verordnungsfähig (Medizinal-Cannabisgesetz). Voraussetzung: Es liegt eine schwerwiegende Erkrankung vor und andere Therapien haben nicht ausreichend geholfen.

Quelle: Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG)

Offene Forschungsfragen

Quellen

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