Table of Contents

Extraktion von Cannabinoiden & Terpenen

Dieser Artikel bietet eine wissenschaftlich fundierte Übersicht über die gängigsten Verfahren zur Extraktion von Cannabinoiden (THC, CBD, CBG, etc.) und Terpenen aus Cannabis sativa L. Der Fokus liegt auf lösungsmittelfreien Methoden für den privaten Bereich sowie auf professionellen Verfahren.

⚠️ Sicherheitshinweis: Anleitungen für gefährliche Extraktionen mit brennbaren Lösungsmitteln (Butan, Propan, Diethylether) werden hier nicht bereitgestellt. Diese Verfahren bergen erhebliche Brand‑, Explosions‑ und Gesundheitsrisiken und sollten ausschließlich in zertifizierten Laboren mit explosionsgeschützter Ausstattung durchgeführt werden. Die illegale Herstellung von Betäubungsmitteln ist strafbar.

Grundlagen der Cannabis-Extraktion

Ziel jeder Extraktion ist die Trennung der gewünschten Inhaltsstoffe (Cannabinoide, Terpene) vom Pflanzenmaterial. Die Wahl des Verfahrens beeinflusst maßgeblich:

* Reinheit & Zusammensetzung: Vollspektrum (Full-Spectrum) vs. isolierte Wirkstoffe * Terpenerhalt: Höhere Temperaturen und aggressive Lösungsmittel zerstören flüchtige Terpene * Rückstände: Lösungsmittelreste im Endprodukt (gesundheitlich und rechtlich relevant) * Kosten & Komplexität: Von einfacher Presstechnik bis zu aufwendigen CO₂-Anlagen

Quelle: Molecules (2022): Comprehensive Review on Extraction Techniques for Medicinal Cannabis

Lösungsmittelfreie (mechanische) Verfahren

Diese Methoden kommen ohne chemische Lösungsmittel aus und gelten als die sicherste Option für den privaten Bereich.

1. Rosin-Pressen

Das Pressen von Cannabisblüten oder -hash zwischen erhitzten Platten ist die einfachste und sicherste Methode zur Gewinnung von Konzentraten im Privatbereich.

Prinzip: Hitze (80–105°C) und Druck (5–15 Tonnen) schmelzen die Harzdrüsen (Trichome), die dann aus dem Pflanzenmaterial ausgepresst werden.

Parameter:

Einstellung Wirkung Empfehlung
————-———————
Temperatur 80–90°C → terpenreiches, helles Rosin Premium-Qualität
Temperatur 95–105°C → höhere Ausbeute, dunkleres Rosin max. Ausbeute
Druck 5–10 Tonnen Standard für Blüten
Druck 10–20 Tonnen Für Hash-Pressen
Pressdauer 60–180 Sekunden je nach Temperatur

Vorteile: Lösungsmittelfrei, vollständiger Terpenerhalt, geringe Investition, sofort konsumierbar Nachteile: Geringere Ausbeute als lösungsmittelbasierte Verfahren, Pflanzenreste im Produkt ohne Filtern

Qualitätsmerkmale guten Rosins: Goldene bis hell-bernsteinfarbene Farbe, butterartige Konsistenz bei Raumtemperatur, intensives Aroma. Oxidiertes, dunkles Rosin deutet auf zu hohe Temperatur oder zu lange Pressdauer hin.

Quelle: Journal of Cannabis Research (2021): Processing and Extraction Methods of Medicinal Cannabis – a Narrative Review

2. Ice-Water-Extraktion (Bubble Hash)

Die Gewinnung von Trichomen mit Eiswasser und Filterbeuteln ist die traditionelle Methode zur Herstellung von Wasserextrakten.

Prinzip: Tiefe Temperaturen (−0°C bis 4°C) machen die Trichome spröde. Durch mechanische Bewegung lösen sie sich vom Pflanzenmaterial und werden durch Filtersiebe unterschiedlicher Maschenweite (25–220 µm) getrennt.

Ablauf:

1. Pflanzenmaterial wird in Eiswasser eingelegt und 15–30 Minuten gerührt
2. Die Trichome sinken durch die Siebe, Pflanzenmaterial bleibt oben
3. Fraktionen (25–220 µm) werden getrennt getrocknet
4. Trocknung erfolgt über 3–7 Tage bei 15–20°C und 45–55 % RLF

Qualitätsstufen:

Fraktion (µm) Qualität Verwendung
—————-———-————
120–220 Grobe Qualität (mehr Pflanzenreste) Pressen, Vapen, Rauchen
73–120 Feine Qualität (Full-Melt) Dabbing, Premium-Konzentrat
25–73 Supporting-Fraktion Mischqualität

Full-Melt (73–120 µm) ist die begehrteste Fraktion: Sie schmilzt bei Erhitzung vollständig und hinterlässt nahezu keine Asche.

Vorteile: Lösungsmittelfrei, schonende Gewinnung, sehr reine Trichome möglich, skalierbar Nachteile: Zeitaufwändig, Gefahr von Schimmel bei unsachgemäßer Trocknung, geringe Ausbeute im Vergleich zu Lösungsmittelextraktionen

Quelle: Journal of Cannabis Research (2021): Processing and Extraction Methods of Medicinal Cannabis – a Narrative Review

3. Dry Sifting (Trockensiebung)

Die älteste Methode zur Cannabisextraktion – bereits in Zentralasien vor Jahrhunderten praktiziert.

Prinzip: Getrocknetes Pflanzenmaterial wird durch feine Siebe (100–250 µm) gerieben. Die Trichome fallen durch das Sieb, Pflanzenreste bleiben zurück.

Vorteile: Einfachste Methode, kein Wasser (kein Schimmelrisiko), sofort konsumierbar Nachteile: Geringere Reinheit als Ice-Water, Staubentwicklung, geringe Ausbeute

Verbesserung (2025): Elektrostatische Siebung (Triboelektrischer Effekt) kann die Reinheit von Dry Sift auf über 90 % Trichome steigern.

Quelle: Journal of Cannabis Research (2025): Electrostatic Separator of Cannabis Trichomes – An Innovative Approach to Extraction

Professionelle Verfahren (Laborbereich)

Diese Methoden sind aufgrund der technischen Anforderungen und Sicherheitsrisiken nur für gewerbliche Betriebe mit entsprechender Ausstattung geeignet.

CO₂-Extraktion

Überkritisches CO₂ (scCO₂) ist das Standardverfahren der pharmazeutischen Industrie.

Prinzip: CO₂ wird unter hohem Druck (>73 bar) und Temperatur (>31°C) in den überkritischen Zustand versetzt. In diesem Zustand hat es die Lösungsfähigkeit einer Flüssigkeit bei gleichzeitig niedriger Viskosität eines Gases – ideal für die Extraktion.

Fraktionierung: Durch schrittweise Druck- und Temperaturänderung können verschiedene Fraktionen getrennt werden: * Leichte Terpene/Kohlenwasserstoffe: 55–100 bar, 35–50°C * Schwerere Terpene/THC: 100–180 bar, 45–55°C * CBD/Cannabinoid-Säuren: 200–300 bar, 55–70°C

Vorteile: Lösungsmittelfreie Endprodukte (CO₂ entweicht als Gas), pharmazeutische Reinheit, vollständige Fraktionierung (Terpene getrennt von Cannabinoiden) Nachteile: Hohe Investitionskosten (20.000–200.000 €), komplexe Anlagentechnik

Quelle: Journal of Supercritical Fluids (2020): Supercritical Fluid Technologies Applied to the Extraction of Compounds from Cannabis sativa L.

Ethanol-Extraktion

Winterisierte Ethanolextraktion wird industriell zur Herstellung von Vollspektrum-Extrakten eingesetzt.

Prinzip: Gekühlter Ethanol (−40°C) wird mit Pflanzenmaterial gemischt. Die Kälte minimiert die Löslichkeit von Chlorophyll und Fetten bei gleichzeitiger Extraktion der gewünschten Cannabinoide.

Winterisierung: Der Rohextrakt wird mit Ethanol gemischt und auf −20°C gekühlt – unerwünschte Fette und Wachse fallen aus und werden abfiltriert.

Vorteile: Hohe Ausbeute (bis zu 95 % der Cannabinoide), gute Skalierbarkeit Nachteile: Ethanol-Rückstände können im Endprodukt verbleiben (gesetzliche Grenzwerte beachten), Verlust von Terpenen durch die Kühlung

Wichtig: Ethanol ist hochentzündlich! Die Extraktion erfordert explosionsgeschützte Laborausstattung.

Quelle: Journal of Cannabis Research (2021): Processing and Extraction Methods of Medicinal Cannabis – a Narrative Review

Verfahrensvergleich

Verfahren Reinheit Terpenerhalt Ausbeute Kosten Sicherheit
———–———-————-———-——–————
Rosin Press Mittel-Hoch Hervorragend Niedrig Gering Sehr hoch
Ice Water Hoch Hervorragend Mittel Gering-Mittel Sehr hoch
Dry Sift Mittel Hervorragend Niedrig Gering Sehr hoch
CO₂ (scCO₂) Sehr hoch Gut-Hervorragend Hoch Sehr hoch Mittel-Hoch
Ethanol (winterisiert) Hoch Mittel Sehr hoch Mittel-Hoch Mittel
Butan/Propan (BHO) Gefährlich

Lagerung von Extrakten

Cannabisextrakte sind empfindlicher als getrocknete Blüten:

* Lichtgeschützt: UV-Licht baut Cannabinoide ab → Braunglas oder vakuumversiegelte Behälter * Kühl lagern: 4–8°C für Kurzzeit, −18°C für Langzeit (Terpenerhalt) * Sauerstofffrei: Vakuumversiegelung oder Argon-Schutzgas verhindert Oxidation * Trocken: Relative Luftfeuchte < 35 % (Boveda-Packs für Konzentrate)

Allgemeine Richtlinien zur Lagerung von Cannabinoid-haltigen Produkten finden sich in der Fachliteratur zur Extraktion und Verarbeitung.

Quelle: Molecules (2022): Comprehensive Review on Extraction Techniques for Medicinal Cannabis

Qualitätskontrolle

Für die Beurteilung von Extrakten sind folgende Parameter zentral:

* Farbe: Hellgold → hohe Qualität; dunkel/braun/schwarz → Oxidation oder zu hohe Temperatur * Konsistenz: Glasarig (Shatter), Butterartig (Budder), Ölig (RSO) – abhängig von Verfahren und Cannabinoid-Zusammensetzung * Lösungsmittelreste: Grenzwert nach EU-GMP: < 500 ppm Ethanol, < 50 ppm Butan/Propan * Cannabinoid-Profil: HPLC-Analyse liefert genaue Werte (→ Sicherheit & Qualität) * Terpen-Profil: GC/MS-Analyse zur Qualitätsbeurteilung * Mikrobiologie: Schimmelpilze, Hefen, aerobe Bakterien (→ Lab-Testing)

Rechtliche Hinweise

Die Herstellung von Cannabisextrakten ist in Deutschland rechtlich eng begrenzt:

* Privater Eigenanbau: Die Weiterverarbeitung der eigenen Ernte zu Extrakten (z. B. Rosin oder Bubble Hash) bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone, sofern die Mengenbegrenzungen des KCanG eingehalten werden * Gewerbliche Extraktion: Erfordert eine Erlaubnis nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) oder Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) * THC-Grenzen in Produkten: In der EU dürfen Lebensmittel und Kosmetika maximal 0,3 % THC enthalten

Aktuelle Rechtslage in Deutschland

Quellenverzeichnis

* Molecules (2022): Comprehensive review on techniques for extraction of bioactive compounds from medicinal cannabis * Journal of Cannabis Research (2021): Processing and extraction methods of medicinal cannabis – a narrative review * Journal of Cannabis Research (2025): Electrostatic separator of cannabis trichomes – an innovative approach to extraction * Journal of Supercritical Fluids (2020): Supercritical fluid technologies applied to the extraction of compounds from Cannabis sativa L.

Verwandte Artikel

* Edibles – Verarbeitung von Extrakten in Lebensmitteln * Sicherheit & Qualität – Lab-Testing, Kontaminanten, Hygiene * Ernten, Trocknen, Lagern * Trocknen & Curing * Rechtliche Lage in Deutschland


Stand: 2026-05-25 | Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0