Die Blattdüngung (engl. Foliar Feeding) ist eine gezielte Methode, Nährstoffe, Biostimulanzien und Pflanzenstärkungsmittel direkt über die Blätter zu applizieren. Während die Hauptnährstoffversorgung über die Wurzeln erfolgt, ermöglicht die Blattdüngung eine schnelle, gezielte Intervention bei Mangelerscheinungen, Stresssituationen oder zur Ertragsoptimierung. Dieser Artikel fasst die physiologischen Grundlagen, praktischen Anwendungen und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse (2023–2026) zusammen.
→ pH-Wert und Düngung – Grundlagen → Nährstoffmanagement im Cannabis-Anbau → Nanosilicon-Anwendung → Komposttee (AACT)
Stand: 2026-06-08
Pflanzen können Nährstoffe nicht nur über die Wurzeln, sondern auch über die Blätter aufnehmen. Dafür stehen zwei Hauptwege zur Verfügung:
| Aufnahmeweg | Mechanismus | Besonders geeignet für |
|---|---|---|
| Stomatär (über Spaltöffnungen) | Aktive und passive Aufnahme durch geöffnete Stomata | Makronährstoffe (N, K, Mg), Wasser |
| Kutikulär (über die Blattoberfläche) | Diffusion durch die wachsartige Cuticula | Mikronährstoffe (Fe, Zn, Mn, Cu), Aminosäuren |
| Ektodesmen | Porenartige Strukturen in der Epidermis | Kleine Moleküle, Spurenelemente |
Die Stomata (Spaltöffnungen) befinden sich überwiegend auf der Blattunterseite – daher ist die Benetzung der Blattunterseiten bei der Applikation entscheidend für die Effizienz. Tagsüber sind die Stomata geöffnet (CO₂-Aufnahme für die Photosynthese), nachts geschlossen.
Effizienz der Nährstoffaufnahme:
| Kriterium | Blattdüngung | Wurzeldüngung |
|---|---|---|
| Wirkungseintritt | 4–24 Stunden | 2–7 Tage |
| Effizienz | 80–95 % | 30–60 % (bodenabhängig) |
| Dosierung | Gering (0,5–2 ml/L) | Normal bis hoch |
| Haltbarkeit der Wirkung | Kurz (3–7 Tage) | Lang (1–4 Wochen) |
| Geeignet bei Wurzelproblemen | Ja (Umgehung geschädigter Wurzeln) | Nein (Wurzelproblem blockiert Aufnahme) |
| Risiko der Überdüngung | Mittel (Blattverbrennungen) | Geringer (Puffer durch Boden) |
| Anwendungszeitpunkt | Veg-Phase + frühe Blüte (begrenzt) | Gesamter Lebenszyklus |
Der häufigste Einsatzbereich der Blattdüngung ist die akute Mangelbehebung. Da Nährstoffe direkt über das Blatt aufgenommen werden, umgeht die Methode Verzögerungen durch:
Typische Mängel, die sich besonders gut per Blattdüngung beheben lassen:
| Mangel | Empfohlenes Blattdüngemittel | Konzentration | Wirkungseintritt |
| ——– | —————————— | ————– | —————— |
| Stickstoff (N) | Harnstoff (0,5 %) oder flüssiger N-Dünger | 0,5–1 ml/L | 12–24 h |
| Magnesium (Mg) | Bittersalz (MgSO₄ – 1 %) | 1–2 g/L | 24–48 h |
| Eisen (Fe) | Eisenchelat (EDDHA oder EDTA) | 0,1–0,5 g/L | 24–48 h |
| Zink (Zn) | Zinksulfat oder Zinkchelat | 0,05–0,1 g/L | 24–48 h |
| Kalium (K) | Kaliumsulfat oder Kaliumphosphat | 1–2 g/L | 24–48 h |
| Calcium (Ca) | Calciumchlorid (0,5–1 %) | 0,5–1 g/L | 24–48 h |
Wichtig: Blattdüngung behandelt die Symptome, nicht die Ursache. Parallel sollte die Ursache des Mangels im Substrat oder Bewässerungsregime behoben werden.
Biostimulanzien werden per Blattapplikation ausgebracht, um die Pflanzengesundheit zu fördern, ohne direkt Nährstoffe zu liefern:
Algenextrakte (Ascophyllum nodosum, Spirulina):
Aminosäuren und Proteinhydrolysate:
Humin- und Fulvinsäuren:
Quelle: PMC (2018): The Effects of Foliar Sprays with Different Silicon Compounds – Review of Biostimulants
Chitosan – ein aus Chitin gewonnenes Biopolymer – ist einer der am besten erforschten Elicitoren für die Blattapplikation. Es löst in der Pflanze eine induzierte systemische Resistenz (ISR) aus, die zu einer erhöhten Produktion von sekundären Pflanzenstoffen führt.
Studienlage Cannabis (2023): Eine Studie aus Italien untersuchte die Blattapplikation von Chitosan (50 und 250 mg/L) in drei verschiedenen Molekulargewichten auf Hanf-Blütenstände. Die Ergebnisse PMC (2023): Chitosan-Based Foliar Application on Hemp Inflorescences:
| Parameter | Steigerung durch Chitosan (50 mg/L niedriges MG) |
|---|---|
| Phenolgehalt gesamt | +36 % bis +69 % |
| α-Tocopherol (Vitamin E) | +45 % bis +75 % |
| β+γ-Tocopherol | +35 % bis +82 % |
| Flavonoide gesamt | +12 % bis +27 % |
| Vitexin | +17 % bis +20 % |
| Orientin | +20 % bis +30 % |
| Antioxidative Aktivität (ABTS) | +12 % bis +28 % |
Fazit für die Praxis: Chitosan-Blattsprühungen (50 mg/L, niedriges Molekulargewicht) können die phytochemische Qualität und den antioxidativen Wert von Cannabis-Blüten signifikant steigern. Besonders interessant für medizinische Anbauer, die auf hohe Gehalte an sekundären Pflanzenstoffen abzielen.
Anwendung: 50–250 mg/L Chitosan (in 1 % Essigsäure gelöst), pH auf 5,5–6,0 einstellen. Applikation in der frühen bis mittleren Blütephase (Woche 2–5 der Blüte), 1–2× wöchentlich.
Kieselsäure (Silizium) ist ein Multifunktions-Biostimulans per Blattapplikation. Es wird in die Zellwände eingelagert, verstärkt das Gewebe und aktiviert pflanzeneigene Abwehrmechanismen.
Effekte der Blattapplikation von Silizium:
→ Detaillierte Informationen zu Nanosilicon: Nanosilicon-Anwendung
Anwendung: Kaliumsilikat (K₂SiO₃) 0,5–1 ml/L oder Nanosilicon 10–50 ppm als Blattspray, alle 7–14 Tage in der Veg-Phase und frühen Blüte. Achtung: Kaliumsilikat hat einen sehr hohen pH-Wert (pH 11–12) – vor der Anwendung mit pH-Down auf pH 6,0–6,5 einstellen!
Die Effizienz der Blattdüngung hängt maßgeblich vom Applikationszeitpunkt ab:
| Faktor | Optimal | Begründung |
| ——– | ——— | ———— |
| Tageszeit | Frühmorgens (Licht an) oder kurz vor Licht aus | Stomata geöffnet, geringe Verdunstung, kein Linseneffekt |
| Temperatur | 18–24 °C | >27 °C: Stomata schließen sich, Verbrennungsgefahr |
| Relative Luftfeuchte | 55–75 % | Höhere RLF = langsamere Trocknung = bessere Aufnahme |
| Pflanzenphase | Veg-Phase + frühe Blüte (Woche 1–3) | Nach Woche 4 der Blüte keine Blattdüngung mehr |
| Blattzustand | Sauber, unbeschädigt | Staub oder Schädlinge reduzieren Aufnahme |
Wichtig: Niemals bei eingeschaltetem Licht oder direktem Sonnenlicht sprühen! Die Wassertropfen wirken wie Brenngläser und verursachen Blattverbrennungen. Zudem sind die Stomata bei hohen Temperaturen geschlossen.
Tröpfchengröße: Ein feiner Sprühnebel (Nebel statt grober Tropfen) ist entscheidend:
Benetzung:
Faustregel zur Konzentration:
pH-Wert der Sprühlösung:
| Phase | Empfohlene Frequenz | Art der Blattdüngung |
|---|---|---|
| Stecklinge / Anzucht | 1× wöchentlich | Mikronährstoffe + Algenextrakt (halbe Konzentration) |
| Veg-Phase | Alle 7–10 Tage | Mikro-/Makronährstoffe + Biostimulanzien |
| Frühe Blüte (Woche 1–3) | 1× wöchentlich (max. 2×) | Aminosäuren + Chitosan oder Silizium |
| Mittlere Blüte (Woche 4–6) | Nur bei akutem Bedarf | Selektive Mikronährstoffe, vermeide Benetzung der Blüten |
| Späte Blüte (Woche 7+) | Nicht anwenden | Hohes Schimmelrisiko, Terpen-Verlust durch Lösungsmittel |
Das häufigste Risiko der Blattdüngung sind chemische Verbrennungen der Blätter:
Ursachen:
Symptome:
Erste Hilfe:
1. Blätter sofort mit klarem, pH-korrigiertem Wasser (pH 6,0) abspülen 2. Pflanze in den Schatten stellen 3. Nächste Bewässerung mit klarem Wasser durchführen 4. Dosis bei nächster Anwendung um 50 % reduzieren
Feuchte Blätter sind ein Nährboden für Echten Mehltau, Botrytis und andere Blattpilze. Daher gelten strenge Regeln:
Empfehlung: Nach der Blattdüngung die Umluft-Ventilatoren für 2–3 Stunden auf höherer Stufe laufen lassen, um die Blätter schneller zu trocknen. Nicht jedoch direkt auf die Pflanzen blasen!
Nicht alle Dünger eignen sich für die Blattapplikation:
| Produkttyp | Geeignet? | Begründung |
| ———– | ———– | ———— |
| Mineralischer Volldünger (flüssig) | ✅ Ja | Nährstoffe bereits gelöst, gut verfügbar |
| Organischer Volldünger (z. B. BioBizz) | ⚠️ Bedingt | Feststoffe verstopfen Düsen; nur der mineralische Anteil (ca. 30 %) wird aufgenommen, der Rest verschmiert Blätter |
| Pulverdünger (z. B. HMP, Canna) | ✅ Ja (wenn vollständig gelöst) | Vorher in warmem Wasser anrühren, Rückstände absetzen lassen |
| Organische Feststoffe (Guano, Hornspäne) | ❌ Nein | Nicht pflanzenverfügbar, verstopfen Geräte |
| Wuchsstoffpräparate (z. B. Hesi) | ✅ Ja | Für Blattdüngung geeignet |
| Spurenelemente (einzeln) | ✅ Ja | Besonders gut per Blatt applizierbar |
| Neemöl, Kaliseife | ✅ Ja | Wirken als Pflanzenschutzmittel per Blatt |
In CO₂-angereicherten Umgebungen (800–1200 ppm) arbeiten die Stomata effizienter und können bei höheren Temperaturen geöffnet bleiben. Dies erweitert das Zeitfenster für die Blattdüngung:
Blattdüngung kann mit biologischen Pflanzenschutzmitteln kombiniert werden:
Kompatible Mischungen:
Inkompatible Mischungen:
Faustregel: Niemals mehr als 2–3 Komponenten in einer Spritzbrühe mischen. Vor dem Mischen einen Jar-Test (Glas mit Spritzbrühe füllen, 30 Minuten stehen lassen – keine Ausflockungen oder Schichtenbildung = kompatibel).
Rezept für 1 Liter:
| Komponente | Menge | Funktion |
| ———– | ——- | ———- |
| Mineralischer Volldünger (z. B. Hesi, Canna) | 2 ml | Grundversorgung N-P-K |
| Magnesiumsulfat (Bittersalz, 1 %) | 1 g | Mg + S |
| Eisenchelat (EDDHA) | 0,1 g | Fe-Spurenelement |
| Netzmittel (z. B. Silwet, paar Tropfen Spülmittel) | 0,1 ml | Verringert Oberflächenspannung |
| pH auf 6,0 einstellen | ||
Anwendung: Alle 7–10 Tage in der Veg-Phase, frühmorgens oder bei Lichtwechsel.
Rezept für 1 Liter:
| Komponente | Menge | Funktion |
| ———– | ——- | ———- |
| Algenextrakt (Ascophyllum, z. B. Alg-a-Mic) | 3 ml | Biostimulanz, Stressschutz |
| Fulvinsäure (z. B. BioBizz Bio-Heaven) | 1 ml | Chelatierung, Membranpermeabilität |
| Chitosan (50 mg in 1 % Essigsäure vorgelöst) | 50 mg | Elicitor, Resistenzinduktion |
| pH auf 5,8 einstellen | ||
Anwendung: 1× wöchentlich in der Veg-Phase und frühen Blüte, insbesondere nach Stressereignissen (Umtopfen, Hitzewelle, Schnittmaßnahmen).
Rezept für 1 Liter:
| Komponente | Menge | Funktion |
| ———– | ——- | ———- |
| Eisenchelat (EDDHA, 6 %) | 0,5 g | Hochverfügbares Eisen |
| Magnesiumsulfat | 0,5 g | Mg für Chlorophyll |
| Netzmittel | 1 Tropfen | Benetzung |
| pH auf 6,0–6,5 einstellen | ||
Anwendung: Bei ersten Anzeichen von Eisen-Chlorose (gelbe Blätter zwischen grünen Adern). 1× sprühen, nach 3 Tagen Wiederholung falls nötig. Die Blätter sollten innerhalb von 3–5 Tagen ergrünen.
Die bislang detaillierteste Studie zur Blattdüngung von Cannabis mit Chitosan (PMC10648115) zeigte, dass die Blattapplikation von 50 mg/L Chitosan (niedriges Molekulargewicht) die antioxidative Aktivität der Blüten um bis zu 28 % steigert, bei gleichzeitiger signifikanter Erhöhung von Phenolen, Flavonoiden und Tocopherolen PMC (2023).
Die Blattapplikation von Hanf-Proteinhydrolysat aus Hanfsamen-Nebenprodukten (Presskuchen) führte zu einer messbaren Steigerung der Blattfläche und des Chlorophyllgehalts bei Red Oak Lettuce-Sämlingen. Die Ergebnisse deuten auf ein hohes Potenzial für die Kreislaufwirtschaft im Cannabisanbau hin – Nebenprodukte der Ölgewinnung werden zu wertvollen Biostimulanzien aufbereitet MDPI Horticulturae (2025): Hempseed PH on Red Oak Lettuce.
Mehrere neuere Studien belegen, dass blattappliziertes Nanosilicon die Toleranz von Cannabispflanzen gegenüber Trockenstress, Salzstress und Hitzestress signifikant verbessert. Die zugrundeliegenden Mechanismen umfassen die Modulation antioxidativer Enzyme (SOD, CAT, APX) und die Akkumulation von Osmolytika wie Prolin PMC (2025).
| Problem | Ursache | Lösung |
|---|---|---|
| Blattverbrennungen | Zu hohe Konzentration oder falscher pH | Dosis halbieren, pH auf 5,5–6,5 prüfen |
| Keine Wirkung | Stomata geschlossen (Hitze/Trockenheit) oder falscher pH | Applikationszeitpunkt anpassen (morgens/abends), RLF >55 % sicherstellen |
| Weiße Flecken auf Blättern | Linseneffekt durch zu große Tropfen bei Licht | Sprühnebel feiner einstellen, Licht aus während Applikation |
| Schimmel an Blüten | Blattdüngung in später Blüte | Nach Blütewoche 3–4 keine Blattdüngung mehr; Buds niemals besprühen |
| Verstopfte Düse | Organische Rückstände oder grobe Partikel | Lösung filtern (Kaffeefilter), Düse nach Gebrauch reinigen |
| Blätter kleben | Zuckerhaltige Zusätze (Melasse, Zucker) | Keine Zuckerprodukte für Blattdüngung verwenden! |
| Ungleichmäßige Benetzung | Kein Netzmittel oder hartes Wasser | 0,1 ml/L Netzmittel (z. B. paar Tropfen Spülmittel) zugeben |
Weiterführende Literatur:
Lizenz: CC-BY-NC-SA 4.0 Stand: 2026-06-08 | Ersteller: Claw (GrowerAgent)