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Schädlinge & Krankheiten

Übersicht über häufige Schädlings‑ und Krankheitsklassen bei Cannabis (Cannabis sativa L.) und integrierte Maßnahmen (IPM – Integrated Pest Management). Konkrete chemische Anwendungen nur durch Fachleute.

Schädlinge

Spinnmilben (Tetranychidae)

Die Roten Spinnmilben (Tetranychus urticae) sind einer der häufigsten und gefährlichsten Schädlinge im Cannabis-Anbau. Sie saugen Pflanzensaft aus den Blättern, was zu Chlorosen, Necrosen und Ertragsverlusten führt.

Erkennung:

  • Feine Gespinste an Blattunterseiten
  • Kleine gelbe Pünktchen (Chlorosen) auf Blattoberseiten
  • Bei schwerem Befall: Bronze- bis Rötlichfärbung der Blätter
  • Mit bloßem Auge als winzige bewegliche Punkte erkennbar

Lebenszyklus: Spinnmilben vermehren sich extrem schnell bei Temperaturen über 25°C. Ein Weibchen legt bis zu 100 Eier in 2–3 Wochen. Der gesamte Lebenszyklus dauert bei 27°C nur etwa 7–14 Tage1).

Bekämpfung:

  • Biologisch: Einsatz von Raubmilben (Phytoseiulus persimilis, Neoseiulus californicus) – höchste Effektivität bei Temperaturen von 20–28°C
  • Verdünnung: Tägliches Absprühen der Blattunterseiten mit Wasser (erhöht Luftfeuchtigkeit, stört Eiablage)
  • Präparate: Neemöl (Azadirachtin), Rapsöl-Präparate, Kaliseife
  • Vermeidung: Nicht überdüngen (hoher Stickstoff begünstigt Befall)

Thripse (Thysanoptera)

Westliche Blasenfüße (Frankliniella occidentalis) sind winzige, schnell fliegende Insekten, die durch Saugen an Blüten und Blättern Silberflecken und Deformationen verursachen.

Erkennung:

  • Silbrige Flecken mit schwarzen Kotpünktchen auf Blättern
  • Deformierte junge Blätter und Blüten
  • Schwarze, längliche Exkremente

Bekämpfung:

  • Biologisch: Raubwanzen (Orius spp.), Raubmilben (Amblyseius swirskii)
  • Gelbtafeln zur Monitoring und Reduktion der Population
  • Präparate: Spinosad (bei Outdoor-Zulassung), Neemöl
  • Isolation: Befallene Pflanzen sofort isolieren – Thripse sind extrem mobil

Weiße Fliegen (Aleyrodidae)

Die Gewächshaus-Weiße Fliege (Trialeurodes vaporariorum) und die Tabak-Weiße Fliege (Bemisia tabaci) saugen Pflanzensaft und scheiden Honigtau aus, der Rußtaupilze fördert.

Erkennung:

  • Weiße, fliegende Insekten beim Rütteln an Pflanzen
  • Klebende Honigtau-Rückstände auf Blättern
  • Schwarze Rußtaupilze auf Honigtau

Bekämpfung:

  • Biologisch: Schlupfwespen (Encarsia formosa, Eretmocerus eremicus)
  • Gelbtafeln zur Massenreduktion
  • Präparate: Neemöl, Kaliseife (mehrfache Anwendung nötig, da nur Larvenstadien empfindlich)

Blattläuse (Aphididae)

Green Peach Aphid (Myzus persicae) und andere Blattläuse saugen Phloem-Saft und übertragen Viren.

Erkennung:

  • Kolonien von weichen, birnenförmigen Insekten an Triebspitzen
  • Gekräuselte, verkrüppelte junge Blätter
  • Honigtau und Rußtaupilze
  • Ameisen “melken” Blattläuse (Symbiose)

Bekämpfung:

  • Biologisch: Marienkäfer (Harmonia axyridis), Florfliegenlarven (Chrysoperla carnea), Schwebfliegenlarven
  • Präparate: Kaliseife, Neemöl, Pyrethrum (biologisch abbaubar)
  • Hortensien-Methode: Entfernen der befallenen Triebspitzen

Trauermücken (Sciaridae)

Gewächshaus-Trauermücke (Bradysia spp.) – die Larven fressen organische Substanz, können aber bei hohem Befall auch Wurzeln schädigen.

Erkennung:

  • Kleine, schwarze Mücken, die über Substratoberfläche fliegen
  • Durchsichtige Larven im Substrat (weißer Kopf, schwarzer Körper)
  • Welkeerscheinungen trotz ausreichender Bewässerung

Bekämpfung:

  • Biologisch: Nematoden (Steinernema feltiae) gegen Larven, Raubmilben (Stratiolaelaps scimitus)
  • Kulturmaßnahmen: Substrat-Oberfläche antrocknen lassen, Drainage verbessern
  • Gelbtafeln zur Reduktion der fliegenden Adulten
  • Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) gegen Larven im Wasser

Krankheiten

Echter Mehltau (Powdery Mildew)

Gemeiner Mehltau (Golovinomyces cichoracearum syn. Erysiphe cichoracearum) bildet weiße, mehlartige Beläge auf Blättern und Stängeln.

Erkennung:

  • Weißer, pudriger Belag auf Blattoberseiten (später auch Unterseiten)
  • Kreisförmige Ausbreitung der Flecken
  • Bei fortschreitender Infektion: Blattvergilbung und -fall
  • Sporen werden durch Luftströmungen verbreitet

Bedingungen: Optimale Ausbreitung bei 15–25°C und relativer Luftfeuchtigkeit von 60–90%2).

Bekämpfung:

  • Prävention: Luftzirkulation erhöhen (Ventilatoren), Blattnässe vermeiden, Pflanzenabstände einhalten
  • Biologisch: Milch-Wasser-Lösung (1:10) als Foliar-Spray – wirkt durch Lactoferrin und freigesetzten Stickstoffmonoxid3)
  • Präparate: Schwefelpräparate (bei < 25°C anwenden!), Kaliumhydrogencarbonat (Backpulver-Lösung), Neemöl
  • Entsorgung: Stark befallene Blätter entfernen und versiegeln (nicht kompostieren!)

Grauschimmel (Botrytis cinerea)

Botrytis-Fäule (Botrytis cinerea) ist eine der zerstörerischsten Krankheiten, besonders in der Spätphase der Blüte. Sie verursacht “Bud Rot” – das Verfaulen der Blütenstände.

Erkennung:

  • Graues, flaumiges Myzel auf Blüten oder Blättern
  • Braune, matschige Stellen an Blütenständen
  • Wasserartige Flecken an Stängeln
  • Bei starkem Befall: Geruch von faulenden Früchten

Bedingungen: Hohe Luftfeuchtigkeit (> 85%) und moderate Temperaturen (15–25°C) fördern die Sporenkeimung4).

Bekämpfung:

  • Prävention: Kritisch! Luftzirkulation in Blütenständen maximieren, Luftfeuchtigkeit in der Spätblüte < 50% senken, Blätter um Blüten entfernen (Lollipopping)
  • Biologisch: Bacillus subtilis-Präparate (konkurrieren um Nischen)
  • Notfall: Befallene Blütenstände sofort mit sterilen Werkzeugen entfernen – Infektion breitet sich rasend schnell aus
  • Achtung: Grauschimmel produziert Mykotoxine (Botrydial, Botcinine), die beim Rauchen/Verdampfen gesundheitsschädlich sind!

Fusarium-Welke (Fusarium oxysporum)

Fusarien-Welke wird durch bodenbürtige Pilze der Gattung Fusarium verursacht, die das Xylem verstopfen und zur Welke führen. Mehrere Fusarium-Arten wurden als Krankheitserreger an Cannabis beschrieben5).

Erkennung:

  • Gelbe, welkende Blätter, beginnend an unteren Blättern
  • Braunverfärbung des Xylems (Gefäßbündel) – beim Anschnitt des Stängels sichtbar
  • Einseitiges Welken der Pflanze
  • Bei fortschreitender Infektion: Kollaps der gesamten Pflanze

Bekämpfung:

  • Prävention: Steriles Substrat verwenden, Übertragung durch Werkzeuge vermeiden (Desinfektion mit 70% Ethanol oder 10% Bleiche), Fungizid-behandelte Samen verwenden
  • Biologisch: Trichoderma harzianum und T. viride (antagonistische Pilze, die Fusarium unterdrücken)6)
  • Kulturmaßnahmen: pH-Wert im Substrat zwischen 6.0–6.5 halten (Fusarium bevorzugt saurere Bedingungen)

Wurzelfäule (Pythium, Phytophthora)

Wurzelfäule wird meist durch Pythium spp. oder Phytophthora spp. verursacht – Oomyceten (wasserbewohnende Pilze), die in nassen Substraten gedeihen.

Erkennung:

  • Welkeerscheinungen trotz feuchtem Substrat
  • Dunkelbraune, matschige Wurzeln (gesunde Wurzeln sind weiß und fest)
  • Wurzelgeruch: faulig, süßlich
  • Wachstumsstillstand

Bedingungen: Überbewässerung, schlechte Drainage, hohe Temperaturen (> 20°C im Substrat) begünstigen Oomyceten7).

Bekämpfung:

  • Prävention: Substrat gut drainieren lassen (Porenvolumen!), Wasservorrat nicht aufstauen, Hydroton- oder Perlit-Zusatz verbessern Drainage
  • Biologisch: Trichoderma-Stämme, Bacillus amyloliquefaciens (Stamm FZB42)
  • Kulturmaßnahmen: Substrat-Temperatur < 20°C halten, Bewässerungsintervallen mit Antrocknen des Substrats

Nährstoffmangel (Abiotic Disorders)

Nicht-parasitäre Krankheiten durch falsche Nährstoffversorgung oder Umweltfaktoren.

Häufige Symptome:

  • Stickstoffmangel (N): Gelbe untere Blätter, langsames Wachstum
  • Phosphormangel (P): Dunkelgrüne Blätter mit violetten Stängeln, verzögerte Blüte
  • Kaliummangel (K): Gelbe Blattränder, nekrotische Flecken an Blattspitzen
  • Magnesiummangel (Mg): Intervenale Chlorose (gelb zwischen Blattadern), beginnend an unteren Blättern
  • Calciummangel (Ca): Tote Spitzen an jungen Blättern, Blütenfäule („Bud Rot“ durch Ca-Mangel)

Vorbeugung: Regelmäßige pH-Überwachung (6.0–6.5 im Erdreich, 5.5–6.0 in Hydrokultur), Leitwert-Überwachung (0.8–1.6 mS/cm je nach Phase), ausgewogene Düngung mit Mikronährstoffen.

Integriertes Schädlingsmanagement (IPM)

Das Integrated Pest Management (IPM) ist ein ganzheitlicher Ansatz zur Prävention und Bekämpfung von Schädlingen und Krankheiten mit minimalem Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel.

Säulen des IPM

  1. Prävention (80% des Erfolgs):
    • Quarantäne neuer Pflanzen (7–14 Tage Beobachtung vor Integration)
    • Hygienekonzept: Desinfektion von Werkzeugen, Händen, Schuhen
    • Filterung der Zuluft (ISO ePM1 60% oder besser) bei Indoor-Anlagen
    • Kontrollierte Umweltparameter (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftzirkulation)
    • Resistente Genetiken wählen
  1. Monitoring (15% des Erfolgs):
    • Gelbtafeln (für fliegende Insekten) und Blautafeln (für Thripse) platzieren
    • Wöchentliche Inspektion der Blattunterseiten mit 10x Lupe
    • Stichprobenartige Wurzelkontrolle
    • Stammmikroskop für Eier und Jungstadien
  1. Biologische Bekämpfung (5% des Erfolgs):
    • Gezielter Einsatz von Nützlingen (siehe oben)
    • Aufbauender Nützlingspopulationen vor Schädlingsbefall (Präventiv-Strategie)
    • Kombination verschiedener Nützlingsarten (z.B. Raubmilben + Florfliegen)
  1. Chemische Bekämpfung (Notfall):
    • Nur bei Überschreitung des ökonomischen Schadensniveaus
    • Strenge Auswahl pflanzenschutzmittelrechtlich zugelassener Mittel
    • Resistenzmanagement: Wirkstoffe rotieren (nicht mehr als 2–3x hintereinander gleicher Wirkstoff)
    • Wartezeiten vor Ernte strikt einhalten

Warnsignale (Alarmstufen)

Alarmstufe Situation Maßnahme
———–———–———–
Grün Keine Schädlinge/Krankheiten Regelmäßige Kontrolle, IPM-Standards einhalten
Gelb < 5 Schädlinge/Pflanze oder kleiner Mehltau-Fleck Biologische Gegenmaßnahmen einleiten, Monitoring intensivieren
Orange 5–20 Schädlinge/Pflanze oder ausgebreiteter Mehltau Gezielte Nützlingsfreisetzung, Pflanzen isolieren
Rot Massiver Befall, Pflanzengesundheit gefährdet Notfall-Bekämpfung, Ernte vorzeitig erwägen, Quarantäne

Wissenschaftliche Quellen & weiterführende Literatur

  • Van Leeuwen T, Vontas J, Tsagkarakou A, Dermauw W, Tirry L (2010). Acaricide resistance mechanisms in the two-spotted spider mite Tetranychus urticae and other important Acari: A review. Insect Biochemistry and Molecular Biology, 40(8), 563–572. DOI: https://doi.org/10.1016/j.ibmb.2010.05.008
  • Pépin N, Punja ZK, Joly DL (2018). Occurrence of Powdery Mildew Caused by Golovinomyces cichoracearum sensu lato on Cannabis sativa in Canada. Plant Disease, 102(12), 2644. DOI: https://doi.org/10.1094/pdis-04-18-0586-pdn
  • Glawe DA (2008). The powdery mildews: a review of the world's most familiar (yet poorly known) plant pathogens. Annual Review of Phytopathology, 46, 27–51. DOI: https://doi.org/10.1146/annurev.phyto.46.081407.104740
  • Williamson B, Tudzynski B, Tudzynski P, Van Kan JAL (2007). Botrytis cinerea: the cause of grey mould disease. Molecular Plant Pathology, 8(5), 561–580. DOI: https://doi.org/10.1111/j.1364-3703.2007.00417.x
  • Punja ZK (2021). Emerging diseases of Cannabis sativa and sustainable management. Pest Management Science, 77(9), 3859–3874. DOI: https://doi.org/10.1002/ps.6307
  • Harman GE, Howell CR, Viterbo A, Chet I, Lorito M (2004). Trichoderma species—opportunistic, avirulent plant symbionts. Nature Reviews Microbiology, 2(1), 43–56. DOI: https://doi.org/10.1038/nrmicro797
  • Punja ZK, Scott C, Lung S (2022). Several Pythium species cause crown and root rot on cannabis (Cannabis sativa L., marijuana) plants grown under commercial greenhouse conditions. Canadian Journal of Plant Pathology, 44(1), 66–81. DOI: https://doi.org/10.1080/07060661.2021.1954695
  • Alford DV (2012). “Pests of Ornamental Trees, Shrubs and Flowers: Identification and Control.” Second Edition. Manson Publishing.
  • Cranshaw WS (2004). “Garden Insects of North America: The Ultimate Guide to Backyard Bugs.” Princeton University Press.
  • United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC). (2020). “Cannabis Cultivation and Processing Toolkit.” Vienna: UNODC.

Siehe auch

1)
Van Leeuwen T, Vontas J, Tsagkarakou A, Dermauw W, Tirry L (2010). Acaricide resistance mechanisms in the two-spotted spider mite Tetranychus urticae and other important Acari: A review. Insect Biochemistry and Molecular Biology, 40(8), 563–572. DOI: 10.1016/j.ibmb.2010.05.008
2)
Pépin N, Punja ZK, Joly DL (2018). Occurrence of Powdery Mildew Caused by Golovinomyces cichoracearum sensu lato on Cannabis sativa in Canada. Plant Disease, 102(12), 2644. DOI: 10.1094/pdis-04-18-0586-pdn
3)
Glawe DA (2008). The powdery mildews: a review of the world's most familiar (yet poorly known) plant pathogens. Annual Review of Phytopathology, 46, 27–51. DOI: 10.1146/annurev.phyto.46.081407.104740
4)
Williamson B, Tudzynski B, Tudzynski P, Van Kan JAL (2007). Botrytis cinerea: the cause of grey mould disease. Molecular Plant Pathology, 8(5), 561–580. DOI: 10.1111/j.1364-3703.2007.00417.x
5)
Punja ZK (2021). Emerging diseases of Cannabis sativa and sustainable management. Pest Management Science, 77(9), 3859–3874. DOI: 10.1002/ps.6307
6)
Harman GE, Howell CR, Viterbo A, Chet I, Lorito M (2004). Trichoderma species—opportunistic, avirulent plant symbionts. Nature Reviews Microbiology, 2(1), 43–56. DOI: 10.1038/nrmicro797
7)
Punja ZK, Scott C, Lung S (2022). Several Pythium species cause crown and root rot on cannabis (Cannabis sativa L., marijuana) plants grown under commercial greenhouse conditions. Canadian Journal of Plant Pathology, 44(1), 66–81. DOI: 10.1080/07060661.2021.1954695
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