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Schädlinge & Krankheiten

Übersicht über häufige Schädlings‑ und Krankheitsklassen bei Cannabis (Cannabis sativa L.) und integrierte Maßnahmen (IPM – Integrated Pest Management). Konkrete chemische Anwendungen nur durch Fachleute.

Schädlinge

Spinnmilben (Tetranychidae)

Die Roten Spinnmilben (Tetranychus urticae) sind einer der häufigsten und gefährlichsten Schädlinge im Cannabis-Anbau. Sie saugen Pflanzensaft aus den Blättern, was zu Chlorosen, Necrosen und Ertragsverlusten führt.

Erkennung:

Lebenszyklus: Spinnmilben vermehren sich extrem schnell bei Temperaturen über 25°C. Ein Weibchen legt bis zu 100 Eier in 2–3 Wochen. Der gesamte Lebenszyklus dauert bei 27°C nur etwa 7–14 Tage1).

Bekämpfung:

Thripse (Thysanoptera)

Westliche Blasenfüße (Frankliniella occidentalis) sind winzige, schnell fliegende Insekten, die durch Saugen an Blüten und Blättern Silberflecken und Deformationen verursachen.

Erkennung:

Bekämpfung:

Weiße Fliegen (Aleyrodidae)

Die Gewächshaus-Weiße Fliege (Trialeurodes vaporariorum) und die Tabak-Weiße Fliege (Bemisia tabaci) saugen Pflanzensaft und scheiden Honigtau aus, der Rußtaupilze fördert.

Erkennung:

Bekämpfung:

Blattläuse (Aphididae)

Green Peach Aphid (Myzus persicae) und andere Blattläuse saugen Phloem-Saft und übertragen Viren.

Erkennung:

Bekämpfung:

Trauermücken (Sciaridae)

Gewächshaus-Trauermücke (Bradysia spp.) – die Larven fressen organische Substanz, können aber bei hohem Befall auch Wurzeln schädigen.

Erkennung:

Bekämpfung:

Krankheiten

Echter Mehltau (Powdery Mildew)

Gemeiner Mehltau (Golovinomyces cichoracearum syn. Erysiphe cichoracearum) bildet weiße, mehlartige Beläge auf Blättern und Stängeln.

Erkennung:

Bedingungen: Optimale Ausbreitung bei 15–25°C und relativer Luftfeuchtigkeit von 60–90%2).

Bekämpfung:

Grauschimmel (Botrytis cinerea)

Botrytis-Fäule (Botrytis cinerea) ist eine der zerstörerischsten Krankheiten, besonders in der Spätphase der Blüte. Sie verursacht “Bud Rot” – das Verfaulen der Blütenstände.

Erkennung:

Bedingungen: Hohe Luftfeuchtigkeit (> 85%) und moderate Temperaturen (15–25°C) fördern die Sporenkeimung4).

Bekämpfung:

Fusarium-Welke (Fusarium oxysporum)

Fusarien-Welke wird durch bodenbürtige Pilze der Gattung Fusarium verursacht, die das Xylem verstopfen und zur Welke führen. Mehrere Fusarium-Arten wurden als Krankheitserreger an Cannabis beschrieben5).

Erkennung:

Bekämpfung:

Wurzelfäule (Pythium, Phytophthora)

Wurzelfäule wird meist durch Pythium spp. oder Phytophthora spp. verursacht – Oomyceten (wasserbewohnende Pilze), die in nassen Substraten gedeihen.

Erkennung:

Bedingungen: Überbewässerung, schlechte Drainage, hohe Temperaturen (> 20°C im Substrat) begünstigen Oomyceten7).

Bekämpfung:

Nährstoffmangel (Abiotic Disorders)

Nicht-parasitäre Krankheiten durch falsche Nährstoffversorgung oder Umweltfaktoren.

Häufige Symptome:

Vorbeugung: Regelmäßige pH-Überwachung (6.0–6.5 im Erdreich, 5.5–6.0 in Hydrokultur), Leitwert-Überwachung (0.8–1.6 mS/cm je nach Phase), ausgewogene Düngung mit Mikronährstoffen.

Integriertes Schädlingsmanagement (IPM)

Das Integrated Pest Management (IPM) ist ein ganzheitlicher Ansatz zur Prävention und Bekämpfung von Schädlingen und Krankheiten mit minimalem Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel.

Säulen des IPM

  1. Prävention (80% des Erfolgs):
    • Quarantäne neuer Pflanzen (7–14 Tage Beobachtung vor Integration)
    • Hygienekonzept: Desinfektion von Werkzeugen, Händen, Schuhen
    • Filterung der Zuluft (ISO ePM1 60% oder besser) bei Indoor-Anlagen
    • Kontrollierte Umweltparameter (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftzirkulation)
    • Resistente Genetiken wählen
  1. Monitoring (15% des Erfolgs):
    • Gelbtafeln (für fliegende Insekten) und Blautafeln (für Thripse) platzieren
    • Wöchentliche Inspektion der Blattunterseiten mit 10x Lupe
    • Stichprobenartige Wurzelkontrolle
    • Stammmikroskop für Eier und Jungstadien
  1. Biologische Bekämpfung (5% des Erfolgs):
    • Gezielter Einsatz von Nützlingen (siehe oben)
    • Aufbauender Nützlingspopulationen vor Schädlingsbefall (Präventiv-Strategie)
    • Kombination verschiedener Nützlingsarten (z.B. Raubmilben + Florfliegen)
  1. Chemische Bekämpfung (Notfall):
    • Nur bei Überschreitung des ökonomischen Schadensniveaus
    • Strenge Auswahl pflanzenschutzmittelrechtlich zugelassener Mittel
    • Resistenzmanagement: Wirkstoffe rotieren (nicht mehr als 2–3x hintereinander gleicher Wirkstoff)
    • Wartezeiten vor Ernte strikt einhalten

Warnsignale (Alarmstufen)

Alarmstufe Situation Maßnahme
———–———–———–
Grün Keine Schädlinge/Krankheiten Regelmäßige Kontrolle, IPM-Standards einhalten
Gelb < 5 Schädlinge/Pflanze oder kleiner Mehltau-Fleck Biologische Gegenmaßnahmen einleiten, Monitoring intensivieren
Orange 5–20 Schädlinge/Pflanze oder ausgebreiteter Mehltau Gezielte Nützlingsfreisetzung, Pflanzen isolieren
Rot Massiver Befall, Pflanzengesundheit gefährdet Notfall-Bekämpfung, Ernte vorzeitig erwägen, Quarantäne

Wissenschaftliche Quellen & weiterführende Literatur

Siehe auch

1)
Van Leeuwen T, Vontas J, Tsagkarakou A, Dermauw W, Tirry L (2010). Acaricide resistance mechanisms in the two-spotted spider mite Tetranychus urticae and other important Acari: A review. Insect Biochemistry and Molecular Biology, 40(8), 563–572. DOI: 10.1016/j.ibmb.2010.05.008
2)
Pépin N, Punja ZK, Joly DL (2018). Occurrence of Powdery Mildew Caused by Golovinomyces cichoracearum sensu lato on Cannabis sativa in Canada. Plant Disease, 102(12), 2644. DOI: 10.1094/pdis-04-18-0586-pdn
3)
Glawe DA (2008). The powdery mildews: a review of the world's most familiar (yet poorly known) plant pathogens. Annual Review of Phytopathology, 46, 27–51. DOI: 10.1146/annurev.phyto.46.081407.104740
4)
Williamson B, Tudzynski B, Tudzynski P, Van Kan JAL (2007). Botrytis cinerea: the cause of grey mould disease. Molecular Plant Pathology, 8(5), 561–580. DOI: 10.1111/j.1364-3703.2007.00417.x
5)
Punja ZK (2021). Emerging diseases of Cannabis sativa and sustainable management. Pest Management Science, 77(9), 3859–3874. DOI: 10.1002/ps.6307
6)
Harman GE, Howell CR, Viterbo A, Chet I, Lorito M (2004). Trichoderma species—opportunistic, avirulent plant symbionts. Nature Reviews Microbiology, 2(1), 43–56. DOI: 10.1038/nrmicro797
7)
Punja ZK, Scott C, Lung S (2022). Several Pythium species cause crown and root rot on cannabis (Cannabis sativa L., marijuana) plants grown under commercial greenhouse conditions. Canadian Journal of Plant Pathology, 44(1), 66–81. DOI: 10.1080/07060661.2021.1954695