Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) hat auf dem Medicinal Cannabis Congress in Berlin am 1. Juni 2026 neue klinische Studien zum Einsatz von Medizinal-Cannabis in der Schmerzmedizin angekündigt. Gleichzeitig stellte die DGS ihr neues Curriculum „Cannabiskompetenz in der Schmerz- und Palliativmedizin“ und die Fortschreibung ihrer Praxisleitlinie vor.
Stand: 2026-06-01 | Quellen: DGS-Pressemitteilung, idw-online.de
→ Cannabis bei chronischen Schmerzen – Evidenzlage 2026 → Cannabis-Arzneimittel im Überblick
Fast 15 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter chronischen Schmerzen mit teilweise komplexen Krankheitsbildern, bei denen klassische Behandlungsmethoden oft nicht ausreichen. Die Versorgung mit Medizinal-Cannabis nimmt dabei seit der Teillegalisierung 2024 und der Herauslösung von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz stetig zu.
Dr. med. Richard Ibrahim, Orthopäde, Schmerzmediziner und Präsident der DGS, berichtete auf dem Kongress: *„In meiner Praxis habe ich bereits 1.800 Schmerzpatienten erfolgreich mit Medizinal-Cannabis behandelt. Es ersetzt nicht pauschal die klassische Schmerzmedikation, aber es hat sich mehr und mehr zu einem wirksamen Analgetikum mit einem vergleichsweise geringen Nebenwirkungsprofil entwickelt.”*
Zu den Indikationen für Medizinal-Cannabis zählen nach DGS-Angaben unter anderem: * Neuropathische Schmerzen * Chronische Nichttumorschmerzen * Tumorschmerzen * MS-Spastik * Appetitlosigkeit und Kachexie
Um die Evidenzlage zu verbessern, hat die DGS im Jahr 2026 die DGS-Initiative Klinische Studien gegründet. Ziel ist die Generierung von AWMF- und leitlinienrelevanten Daten für die Schmerztherapie mit Cannabinoiden.
| Studie | Teilnehmer | Start | Dauer |
| ——– | ———– | ——- | ——- |
| Fibromyalgie | N = 225 | September 2026 | 22–26 Wochen |
| Chronische Wirbelsäulen-, Rücken- und Arthroseschmerzen | N = 1.500+ | Juni 2026 | k. A. |
| Standardisiertes Inhalationssystem für Cannabisextrakte (THC: 82 %, CBD < 1 %) | In Planung | k. A. | k. A. |
Die Fibromyalgie-Studie (N = 225) ist besonders hervorzuheben, da es sich um eine häufige, aber bislang therapeutisch schwer behandelbare Erkrankung handelt. Fibromyalgie-Patienten leiden unter chronischen, generalisierten Schmerzen, Erschöpfung und Schlafstörungen. Cannabinoide werden in der Praxis bereits häufig eingesetzt, systematische klinische Daten fehlen jedoch weitgehend.
Die Studie mit 1.500+ Teilnehmern zu Wirbelsäulen-, Rücken- und Arthroseschmerzen ist eine der bislang größten klinischen Studien zu Cannabinoiden in der Schmerzmedizin europaweit.
Eine dritte Studie in der Planungsphase untersucht ein standardisiertes Inhalationssystem für Cannabisextrakte (THC-Gehalt: 82 %, CBD-Gehalt: < 1 %). Die Studie zielt darauf ab, die Dosierbarkeit und Reproduzierbarkeit der inhalativen Cannabinoid-Aufnahme zu verbessern – ein bislang unzureichend erforschter Bereich, da die Bioverfügbarkeit und Wirkdauer bei Inhalation stark variieren können.
Neben den klinischen Studien hat die DGS ein neues Fortbildungsprogramm aufgelegt:
DGS-Curriculum „Cannabiskompetenz in der Schmerz- und Palliativmedizin“
Das Curriculum richtet sich an Fachärzte und nicht-ärztliches Fachpersonal und umfasst: * Pharmakologie von Cannabinoiden (THC, CBD, CBG, CBN) * Indikationsstellung und Kontraindikationen * Dosierung und Titrationsstrategien * Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten * Rechtliche Rahmenbedingungen (MedCanG, BtMG) * Umgang mit Patientenwartung und Therapiekontrolle * Praktische Übungen zur Fallarbeit
Hintergrund: Viele Ärzte haben bislang keine strukturierte Ausbildung zu Cannabinoiden in der Schmerzmedizin erhalten. Das Curriculum soll diese Lücke schließen und die Verschreibungsqualität verbessern.
Parallel zur Studien-Initiative arbeitet die DGS an der Weiterentwicklung ihrer Praxisleitlinie „Cannabis in der Schmerzmedizin”. Die aktualisierte Leitlinie wird am 20. November 2026 auf dem DGS-Innovationsforum in Kassel vorgestellt.
Die Leitlinie ist Teil der fachlichen Kompetenzentwicklung der DGS und soll Ärzten eine fundierte Grundlage für Verordnung, Diagnose und Dosierung in der Schmerz- und Palliativmedizin bieten. Sie wird voraussichtlich folgende Schwerpunkte enthalten: * Evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für die wichtigsten Schmerzindikationen * Standardisierte Behandlungspfade * Algorithmen zur Patientenselektion * Monitoring und Therapiekontrolle
Die Ankündigung der DGS ist aus mehreren Gründen bedeutsam:
1. Systematische Evidenzgenerierung: Bislang fehlen groß angelegte, randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zu Cannabinoiden bei chronischen Schmerzen. Die DGS-Studien könnten dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. DGS-Präsident Ibrahim formuliert es treffend: *„Versorgung ohne Daten ist Meinung – Versorgung mit Daten ist Zukunft!“*
2. Leitlinienrelevanz: Die Einbindung in den AWMF-Prozess bedeutet, dass die Ergebnisse direkten Einfluss auf die Behandlungsleitlinien haben werden. Bislang sind Cannabinoide in den meisten Schmerzleitlinien nur als Drittlinien-Therapie oder gar nicht verankert.
3. Netzwerk: Mit 4.035 Mitgliedern, 16 Landes- und 123 Schmerzzentren verfügt die DGS über ein bundesweites Netzwerk für die Versorgungsforschung.
4. Politische Relevanz: Die Ankündigung fällt in eine Zeit intensiver Debatten um die MedCanG-Novelle. Die DGS positioniert sich klar für eine evidenzbasierte, differenzierte Betrachtung von Medizinal-Cannabis – gegen pauschale Verbote und für bessere Daten.
Die nächsten Meilensteine der DGS-Initiative:
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| Juni 2026 | Start der Wirbelsäulen-/Rücken-/Arthrose-Studie (N = 1.500+) |
| September 2026 | Start der Fibromyalgie-Studie (N = 225) |
| 20. November 2026 | Vorstellung der aktualisierten Praxisleitlinie auf dem DGS-Innovationsforum in Kassel |
| 2027 | Erwartete Ergebnisse der klinischen Studien |
* DGS – Pressemitteilung: Neue klinische Studien zu Cannabis in der Schmerzmedizin (1. Juni 2026) * idw-online.de – DGS kündigt neue klinische Studien zu Cannabis in der Schmerzmedizin an (1. Juni 2026) * Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. – Offizielle Website
* Cannabis bei chronischen Schmerzen – Evidenzlage 2026 * Cannabis-Arzneimittel (Sativex, Epidiolex & Co.) * Endocannabinoid-System (ECS) * Cannabis-Wechselwirkungen mit Medikamenten * THC-assoziierte unerwünschte Ereignisse (Graham 2026) * Deutschland – CanG 2024 / MedCanG-Novelle
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