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Tiyyala et al. (2026): KI-Analyse von 42.913 öffentlichen Kommentaren zum Cannabis-Rescheduling in den USA

Tiyyala VM, Dubois C, Madar C, Thrul J, Vandrey R, Dredze M, Ayers JW. Characterizing public comments on cannabis rescheduling in the United States: an AI-driven analysis of 42,913 e-rulemaking submissions. Addiction, 2026, Online 24. April. DOI: 10.1111/add.70410

Diese Studie der Johns Hopkins University und der University of California San Diego nutzte Künstliche Intelligenz (Large Language Models), um die 42.913 öffentlichen Kommentare zur geplanten Neuklassifizierung (Rescheduling) von Cannabis durch die DEA zu analysieren. Es handelt sich um die bislang größte systematische Auswertung von Bürgerkommentaren zur bundesstaatlichen Cannabis-Politik der USA. Die Veröffentlichung (Online-First in Addiction am 24. April 2026) und die begleitende Pressearbeit (JHU Hub, EurekAlert) erfolgten am 29. April 2026 – fast zeitgleich mit der tatsächlichen Umsetzung des Reschedulings durch das Justizministerium.

Stand: 2026-05-29 | Neu aufgenommen


1. Hintergrund

1.1 Der Rescheduling-Prozess

Seit Jahrzehnten ist Cannabis in den USA nach dem Controlled Substances Act (CSA) als Schedule-I-Substanz eingestuft – der restriktivsten Kategorie, die per Definition „kein anerkanntes medizinisches Anwendungspotential“ und „ein hohes Missbrauchspotential” bescheinigt.

Im Oktober 2022 beauftragte Präsident Biden das Gesundheitsministerium (HHS) mit einer wissenschaftlichen Prüfung des Scheduling. Im August 2023 empfahl HHS die Herabstufung von Schedule I zu Schedule III. Im Mai 2024 veröffentlichte das Justizministerium einen formellen Regelungsentwurf (Notice of Proposed Rulemaking) – und eröffnete damit ein 63-tägiges öffentliches Kommentarverfahren.

In diesem Zeitraum gingen 42.913 Kommentare ein – die größte je verzeichnete öffentliche Beteiligung an einer Cannabis-Regulierungsentscheidung auf Bundesebene.

1.2 Die politische Beschleunigung 2025–2026

Nach dem Regierungswechsel im November 2025 unterzeichnete Präsident Trump am 18. Dezember 2025 die Executive Order 14370 zur Beschleunigung des Rescheduling-Prozesses. Am 24. April 2026 setzte das Justizministerium die Neuklassifizierung für zwei Kategorien sofort um:

1. FDA-zugelassene Cannabis-Arzneimittel → Schedule III 2. Staatlich lizenzierte Medizinalcannabis-Produkte → Schedule III

Gleichzeitig wurde ein neues Anhörungsverfahren ab dem 29. Juni 2026 angesetzt, um die vollständige Herabstufung von Cannabis von Schedule I zu Schedule III zu prüfen.

→ Siehe auch: Cannabis in den USA – Rechtslage (Stand Mai 2026)

2. Methodik der Studie

Die Forscher nutzten einen innovativen Ansatz:

* Datenbasis: Sämtliche 42.913 Kommentare aus dem e-Rulemaking-Portal (Regulations.gov), eingereicht während des 63-tägigen Kommentarzeitraums 2024 * Analysewerkzeug: Open-Source Large Language Model (LLM), validiert gegen menschliche Überprüfung * Kategorisierung: Automatisierte Erkennung von Positionen (Unterstützung/Ablehnung) sowie von 14 verschiedenen Begründungstypen * Qualitätskontrolle: Die KI-Ergebnisse wurden durch manuelle Stichproben validiert

Finanzierung: Burroughs Wellcome Fund for Innovations in Regulatory Science, National Center for Advancing Translational Sciences, National Institute on Drug Abuse

3. Zentrale Ergebnisse

3.1 Gesamtstimmung

Die Auswertung ergab eine deutliche mehrheitliche Unterstützung für eine Liberalisierung:

Position Anteil Bemerkung
———-——–———–
Für weitergehende Reform (Descheduling) 63,5 % Wollten Cannabis komplett aus dem CSA streichen
Unterstützung Schedule III (wie vorgeschlagen) 28,9 % Unterstützten die Herabstufung als Kompromiss
Gegner jeder Änderung 6,7 % Wollten Cannabis in Schedule I belassen

92,4 % aller Kommentierenden forderten, Cannabis aus Schedule I zu entfernen – ein fast einhelliger Konsens.

3.2 Begründungen der Befürworter

Die Motive der Unterstützer (92,4 %) ließen sich in 14 Kategorien einteilen. Die häufigsten:

Begründung Anteil der Befürworter Typische Aussage
Therapeutischer Nutzen 56,7 % „Cannabis hat mir geholfen, wo Schulmedizin versagte“
Wirtschaftliche Auswirkungen 27,8 % „Der legale Markt schafft Arbeitsplätze und Steuereinnahmen”
Öffentliche Sicherheit / Regulierung 24,4 % „Klare Bundesregeln schützen Verbraucher besser als Prohibition“
Kriminaljustiz-Reform 21,3 % „Masseninhaftierung wegen Cannabis ist ungerecht” (Descheduling-Gruppe: 26,5 %)
Vergleich mit Alkohol/Opioiden 19,1 % „Cannabis ist weniger schädlich als legaler Alkohol“
Forschung 18,8 % „Schedule I blockiert notwendige klinische Forschung”
Patientenrechte 15,2 % „Patienten sollten nicht kriminalisiert werden“

Die Gruppe, die Schedule III befürwortete, betonte besonders den therapeutischen Nutzen und die Wirtschaft (legale Geschäftsmodelle). Die Gruppe, die weitergehendes Descheduling forderte, nannte häufiger Kriminaljustiz-Reform und soziale Gerechtigkeit.

3.3 Begründungen der Gegner

Die Gegner (6,7 %) argumentierten fast ausschließlich aus Public-Health-Perspektive:

* 100 % nannten Risiken für die öffentliche Gesundheit * 71,4 % verwiesen auf das Suchtpotential * 57,1 % äußerten Sorgen um Kinder und Jugendliche * Häufig genannt: Cannabis als „Einstiegsdroge”, psychische Gesundheitsrisiken, Gefahren für die Verkehrssicherheit

3.4 Teilnehmerprofil

Die Kommentare stammten von: * Patienten (häufigste Gruppe) – berichteten von persönlichen Erfolgen mit medizinischem Cannabis * Medizinisches Fachpersonal – Ärzte, Pflegekräfte, Therapeuten * Unternehmer – Betreiber von Dispensaries, Anbauern, Herstellern * Angehörige – Eltern, Partner von Patienten * Wissenschaftler – Forscher, die besseren Zugang zu Cannabis für Studien forderten * Gegner – oft besorgte Eltern, Präventionsfachkräfte, Suchtberater

Ein wiederkehrendes Motiv der Befürworter war die Diskrepanz zwischen staatlicher Legalisierung und Bundesrecht: Viele Kommentierende lebten bereits seit Jahren in Staaten mit legalem Cannabis und forderten eine Anpassung des Bundesrechts an diese Realität.

4. Einordnung und Bedeutung

4.1 Methodische Innovation

Die Studie ist ein Paradebeispiel für den Einsatz von KI in der Politikberatung. Statt einer manuellen Inhaltsanalyse Tausender Kommentare (die Monate gedauert hätte) konnten die Forscher innerhalb weniger Wochen ein vollständiges Stimmungsbild der öffentlichen Meinung zeichnen.

Co-Autor Mark Dredze (Direktor des Data Science and AI Institute, Johns Hopkins): *„KI kann die Art und Weise revolutionieren, wie Amerikaner an ihrer Demokratie teilhaben.“*

Die Methode könnte künftig bei allen größeren Regulierungsverfahren eingesetzt werden – von Umweltauflagen bis zu Arzneimittelzulassungen.

4.2 Bedeutung für die US-Cannabis-Politik

Die Ergebnisse unterstreichen die breite gesellschaftliche Unterstützung für eine Cannabis-Reform in den USA:

* Die überwältigende Mehrheit (92,4 %) will Cannabis nicht in Schedule I * Zwei Drittel wollen nicht nur Rescheduling, sondern vollständige Descheduling (Streichung aus dem CSA) * Die persönlichen Erfahrungen von Patienten und Unternehmern prägten die Kommentare * Die wirtschaftlichen Argumente spielten eine fast ebenso große Rolle wie medizinische

Seniorautor John W. Ayers (UC San Diego): *„Das Rescheduling ist ein bedeutender erster Schritt, aber die öffentliche Meinung zeigt, dass die Amerikaner noch weitergehende Reformen wollen.”*

4.3 Zeitliche Koinzidenz mit dem DOJ-Beschluss

Bemerkenswert ist die zeitliche Nähe der Studienveröffentlichung (24. April 2026, Addiction Online-First; Pressemitteilung 29. April 2026) zur DOJ-Anordnung vom 24. April 2026, die staatlich lizenziertes Medizinalcannabis und FDA-zugelassene Produkte sofort in Schedule III einstufte. Die Studie liefert damit eine empirische Grundlage für die öffentliche Unterstützung dieser Entscheidung.

Die vollständige Herabstufung von Schedule I zu Schedule III wird in einem Anhörungsverfahren ab dem 29. Juni 2026 weiter verhandelt.

5. Kritische Würdigung

Stärken der Studie: * Vollständige Erfassung aller Kommentare (keine Stichprobenverzerrung) * KI-Validierung durch menschliche Überprüfung * Differenzierte Analyse nach Position und Begründung (14 Kategorien) * Hohe externe Validität – die Kommentare spiegeln reale politische Partizipation wider

Limitationen: * Selbstselektion: Die Kommentierenden sind eine politisch motivierte Teilgruppe – keine repräsentative Bevölkerungsstichprobe * Keine demografische Gewichtung: Die Studie erfasst nicht, ob bestimmte Bevölkerungsgruppen über- oder unterrepräsentiert sind * Keine Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung: Die hohe Zustimmungsrate (92,4 %) ist nicht auf die US-Bevölkerung übertragbar * Sprachliche Verzerrung: Nur englischsprachige Kommentare erfasst * Keine Analyse von Bot- oder Koordinationskampagnen: Es bleibt unklar, ob organisierte Kampagnen die Ergebnisse beeinflusst haben

Wissenschaftliche Bewertung: Die Studie liefert eine wertvolle Momentaufnahme der öffentlichen Meinung unter politisch aktiven Bürgern. Die Ergebnisse sind ein wichtiger Indikator für den politischen Druck in Richtung weitergehender Reformen, sollten aber nicht als repräsentative Bevölkerungsbefragung missverstanden werden.

6. Bedeutung für den deutschen Kontext

Obwohl die Studie die US-Politik betrifft, ist sie auch für die deutsche Debatte relevant:

* Methodischer Präzedenzfall: Der KI-gestützte Ansatz könnte auch für deutsche Konsultationsverfahren (z. B. zur MedCanG-Novelle) genutzt werden * Argumentationsmuster: Die in den USA dominierenden Argumente (therapeutischer Nutzen, wirtschaftliche Chancen, Regulierungsbedarf) ähneln denen der deutschen Legalisierungsdebatte * Politische Dynamik: Die US-Entwicklung zeigt, dass einmal begonnene Reformprozesse oft weitergehen als ursprünglich geplant – ein Hinweis für die deutsche Diskussion um Säule 2 * Forschungsförderung: Die Autoren fordern mehr Investitionen in die Cannabis-Forschung – auch für Deutschland relevant

→ Siehe auch: Deutschland – CanG 2024 und MedCanG-Novelle → Siehe auch: DIW-Studie: Cannabiskonsum nach Teillegalisierung stabil → Siehe auch: Cannabis & Fahrtüchtigkeit

7. Quellen

* Tiyyala VM et al. (2026): Characterizing public comments on cannabis rescheduling in the United States: an AI-driven analysis of 42,913 e-rulemaking submissions. Addiction. DOI: 10.1111/add.70410 * Johns Hopkins University (29.04.2026): Americans support cannabis rescheduling, study finds. JHU Hub * U.S. Department of Justice (24.04.2026): Justice Department Places FDA-Approved Marijuana Products and Products Containing Marijuana Subject to a Qualifying State-issued License in Schedule III. DOJ Press Release * White House (18.12.2025): Executive Order 14370 – Increasing Medical Marijuana and Cannabidiol Research. whitehouse.gov * DEA – Drug Scheduling: DEA.gov * EurekAlert! (29.04.2026): Americans support cannabis rescheduling, study finds. EurekAlert!

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