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DIW-Studie: Cannabiskonsum nach Teillegalisierung stabil, Kokain nimmt seit Jahren zu (April 2026)
Autorinnen: Anna Bindler, Andreea-Maria Stoica, Erich Wittenberg Institution: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) Publikation: DIW Wochenbericht 13 / 2026, S. 187–220 DOI: 10.18723/diw_wb:2026-13-1 Interview-DOI: 10.18723/diw_wb:2026-13-2 Veröffentlicht: April 2026 (Datenstand: Frühjahr 2026) Studientyp: Wirtschaftswissenschaftliche Analyse von Polizei-, Befragungs-, Abwasser- und Preisdaten
Überblick
Zwei Jahre nach Inkrafttreten der Cannabis-Teillegalisierung in Deutschland (CanG, 1. April 2024) hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) eine umfassende Analyse der aktuellen Entwicklungen auf dem Cannabis- und anderen Drogenmärkten vorgelegt. Die Studie im DIW Wochenbericht 13/2026 nutzt Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), bevölkerungsrepräsentative Befragungen (Epidemiologischer Suchtsurvey), Abwassermessungen der Europäischen Drogenagentur (EUDA) sowie Preisinformationen des BKA.
Kernergebnisse auf einen Blick:
| Indikator | Ergebnis |
|---|---|
| Cannabis-Delikte 2024 | Rückgang auf rund ein Drittel (von 174.000 auf 62.000 Fälle) |
| Cannabiskonsum (12-Monats-Prävalenz) | ~10 % – kein signifikanter Anstieg nach Teillegalisierung |
| Cannabis-Preise | Stabil bei ~10 €/g – keine markante Veränderung |
| Kokain-/Crack-Konsum | Deutlich steigend seit Jahren (vor CanG begonnen) |
| Gewalt-/Beschaffungskriminalität | Keine zeitliche Verbindung zur Teillegalisierung |
Drogenmarktdelikte: Starker statistischer Rückgang
Die Zahl der erfassten Rauschgiftdelikte ist 2024 auf 228.104 Fälle gesunken – ein deutlicher Rückgang gegenüber 346.877 Fällen im Jahr 2023. Dies ist primär auf den Rückgang der Cannabis-Delikte zurückzuführen:
| Jahr | Cannabis-Delikte | Alle Rauschgiftdelikte |
|---|---|---|
| 2023 | ~174.000 | 346.877 |
| 2024 | ~62.000 | 228.104 |
Wichtig: Der Rückgang erklärt sich nicht durch weniger Konsum, sondern durch die Entkriminalisierung von Besitz und Eigenanbau im Rahmen des CanG – diese Handlungen sind seit April 2024 keine Straftaten mehr. Der statistische Effekt ist also ein rein rechtlicher, kein verhaltensbezogener.
Die Aufklärungsquote (AQ) bei den verbleibenden Rauschgiftdelikten blieb mit über 90 % weiterhin sehr hoch.
Cannabiskonsum: Kein struktureller Anstieg
Die bevölkerungsrepräsentative Befragung Epidemiologischer Suchtsurvey (ESA) 2024 zeigt:
- 12-Monats-Prävalenz: Knapp 10 % der 18- bis 64-Jährigen gaben an, im letzten Jahr Cannabis konsumiert zu haben
- Langfristiger Trend: Bereits seit 2012 ist ein moderater Anstieg der Konsumprävalenz zu beobachten
- Kurzfristiger Effekt der Teillegalisierung: Im Jahr 2024 (Befragung August–Dezember 2024) zeigt sich keine strukturelle Veränderung – der Anstieg folgt dem langfristigen Trend
Auch die Abwasserdaten der Europäischen Drogenagentur (EUDA / SCORE) bestätigen dieses Bild: Die gemessenen THC-COOH-Werte (Abbauprodukt von THC) im Abwasser zeigen für die deutschen Teilnahmestädte keine systematische Veränderung im Vergleich zu den Vorjahren.
Cannabis-Preise: Stabil trotz Legalisierung
Der Straßenhandelspreis für Cannabis lag 2024 weiterhin bei rund 10 € pro Gramm – ein Niveau, das bereits seit mehreren Jahren relativ stabil ist. Ein Preisverfall durch legale Konkurrenz (Eigenanbau, Clubs) ist kurzfristig nicht eingetreten.
Gründe für Preisstabilität:
- Fehlende legale Verkaufsstellen (Säule 2 nicht umgesetzt)
- Anbauvereinigungen noch im Aufbau – viele Clubs haben die erste Ernte 2025/2026 erst ausgeliefert
- Medizinalcannabis auf Privatrezept als legale Alternative (teurer als Schwarzmarkt, aber legal)
- Eigenanbau deckt nur einen Teil des Gesamtbedarfs
Die Preisdaten basieren auf den BKA-Meldungen im Rahmen des REITOX-Berichts 2025 der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD).
Kokain, Crack und Methamphetamin: Besorgniserregender Anstieg
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist der seit Jahren deutlich steigende Konsum von Kokain (einschließlich Crack) und Methamphetamin:
- Kokain: Der Konsum zeigt laut Abwasserdaten einen kontinuierlichen Anstieg seit 2011 – unabhängig von der Cannabis-Reform
- Crack: Insbesondere in Ballungszentren wie Frankfurt, Hamburg und Berlin ist Crack zu einem ernsten Problem geworden
- Methamphetamin: Regional unterschiedlich, aber mit steigender Tendenz (v. a. in grenznahen Regionen zu Tschechien)
- Amphetamin: Ebenfalls steigend, wenn auch moderater
Wichtig: Diese Trends haben vor der Cannabis-Teillegalisierung begonnen und sind nicht auf das CanG zurückzuführen. Die DIW-Studie betont, dass die Drogenmärkte eigenständigen Dynamiken folgen.
Gewalt- und Beschaffungskriminalität
Die Analyse der PKS-Daten zeigt:
- Keinen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Cannabis-Teillegalisierung und Veränderungen bei Gewalt- oder Beschaffungskriminalität
- Die Straßenkriminalität zeigte in den Jahren 2023–2024 ebenfalls keine auffällige Trendwende
- Langfristige Vergleiche: Die Entwicklung von Gewaltdelikten folgt eigenen Mustern, die nicht mit der Drogenpolitik korrelieren
Einschränkung: Die Autoren weisen darauf hin, dass es für belastbare Aussagen zu Kriminalitätsverschiebungen noch zu früh ist – Ermittlungsverfahren zu organisierter Kriminalität dauern häufig mehrere Jahre.
Politischer Diskurs und Einordnung
Die DIW-Studie liefert wichtige Daten für die aktuelle politische Debatte um die Cannabis-Teillegalisierung, die zwei Jahre nach Inkrafttreten (April 2026) kontrovers diskutiert wird:
Positionen im Überblick:
- Bundesinnenminister Dobrindt (CSU): Bezeichnet das CanG als „Scheißgesetz“ (Oktober 2025) und kritisiert die erschwerte Bekämpfung der organisierten Kriminalität
- Neue Richtervereinigung (NRV): Sieht „erhebliche Entlastung” der Justiz – kein Anlass, das Gesetz zurückzudrehen. Staatsanwalt Simon Pschorr: „Wir müssen die legalen, staatlich kontrollierten Bezugsquellen weiter ausbauen“
- Forschende (EKOCAN): Der zweite Zwischenbericht der Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (April 2026) sieht eine partielle Zurückdrängung des Schwarzmarktes, aber kritisiert den einfachen Zugang zu hochpotenten Apotheken-Produkten
- Öffentliche Meinung: Laut Umfrage (Frühjahr 2025) waren je 38 % der Befragten für Beibehaltung bzw. Rücknahme des Gesetzes (Quelle: Die Zeit, März 2025)
DIW-Fazit: Die Autoren leiten zwei zentrale Handlungsempfehlungen ab:
1. **Prävention und Aufklärung priorisieren** – ein erneutes Verbot sei nicht der wirksamste Hebel zur Reduktion des Cannabiskonsums 2. **Andere Drogenmärkte nicht vernachlässigen** – die steigende Dynamik bei Kokain/Crack/Methamphetamin erfordere nachhaltig finanzierte Prävention, Suchtberatung und Gesundheitsversorgung
Verknüpfung mit anderen Studien
Die DIW-Analyse ergänzt die laufende Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN-Projekt, UKE Hamburg):
- EKOCAN-Zwischenbericht 2025: Fokus auf erste Auswirkungen der Teillegalisierung
- EKOCAN-Zwischenbericht April 2026: Partielle Schwarzmarktverdrängung, Jugendschutz stabil
- DIW-Wochenbericht 13/2026: Wirtschaftswissenschaftliche Perspektive mit Fokus auf Kriminalitäts- und Preisdaten
Weitere EKOCAN-Publikationen:
- Schranz et al. (2026):
Short-term effects of cannabis legalisation in Germany on driving under the influence of cannabis– The Lancet Regional Health Europe. DOI: 10.1016/j.lanepe.2026.101593 - Manthey et al. (2025):
Legal and Illegal Sources of Cannabis in Germany Shortly After Legalisation– Int J Ment Health Addiction. DOI: 10.1007/s11469-025-01574-3 - Borchardt et al. (2025):
What proportion of people who use cannabis in Germany have spoken with their general practitioner?– J Cannabis Res. DOI: 10.1186/s42238-025-00329-0 - Rosenkranz et al. (2025):
Perceived external stigma and self-stigma among cannabis users– J Cannabis Res. DOI: 10.1186/s42238-025-00328-1
Quellen
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