Bello D, Blyth SH, Rabin RA, Addington J, Bearden CE, Cadenhead K, Cannon TD, Carrión RE, Cornblatt B, Keshavan M, Mathalon DH, Perkins DO, Seidman L, Stone WS, Tsuang MT, Walker EF, Woods S, Brady RO Jr, Ward HB Cannabis and tobacco co-use predicts psychosis in clinical high risk cohorts. Nature Mental Health, 2026, 4(5). DOI: 10.1038/s44220-026-00648-y
Diese multizentrische Längsschnittstudie des Vanderbilt University Medical Center (Nashville, Tennessee, USA) unter Leitung von Dr. Heather Ward untersuchte erstmals systematisch den Zusammenhang zwischen Cannabis-Tabak-Mischkonsum (Co-Use) und dem Psychoserisiko bei klinisch gefährdeten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die am 12. Mai 2026 in Nature Mental Health veröffentlichte Studie zeigt, dass Co-Use das Risiko einer Psychose-Konversion im Vergleich zu Nichtkonsum nahezu verdreifacht.
Stand: 2026-05-31
Cannabis- und Tabakkonsum sind bei Menschen mit Psychosen stark überrepräsentiert. Bis zu 62 % der Menschen mit Schizophrenie rauchen Tabak – eine drei Mal höhere Prävalenz als in der Allgemeinbevölkerung. Cannabiskonsum ist ebenfalls häufig, insbesondere bei Menschen mit einer ersten psychotischen Episode (FEP). Cannabiskonsumstörungen treten bei 26,2 % der Menschen mit Schizophrenie-Spektrum-Störungen auf, bei Ersterkrankungen sogar bei 36 %.
Bekannte Risiken im Einzelnen: * Tabak verkürzt die Lebenserwartung bei Schizophrenie um durchschnittlich 20 Jahre (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrebs, Schlaganfall) * Cannabis ist mit einer 1,4-fachen Risikoerhöhung für psychotische Erkrankungen assoziiert; bei Cannabisabhängigkeit steigt das Risiko auf das 3,4-Fache * Bei Ersterkrankungen konsumieren schätzungsweise 25–50 % Cannabis * Cannabiskonsum steht im Zusammenhang mit schwereren psychotischen Symptomen, schlechterem Therapieansprechen und vermehrten Krankenhausaufenthalten
Forschungslücke: Obwohl in der Realität viele Menschen beide Substanzen konsumieren (Co-Use), untersuchten die meisten früheren Studien nur die Effekte von Einzelsubstanzen. Der Co-Use von Tabak und Cannabis war in Risikokohorten bislang kaum erforscht.
Quelle: Nature Mental Health – Volltext Quelle: VUMC News – Pressemitteilung (12. Mai 2026)
Die Forscher analysierten Daten der North American Prodrome Longitudinal Study (NAPLS) – einer großen multizentrischen Studie, die Individuen mit „klinisch hohem Psychoserisiko“ (Clinical High Risk / CHR) über einen längeren Zeitraum begleitet.
| Kriterium | Wert |
|---|---|
| Teilnehmende gesamt | 1.012 |
| CHR-Personen | 734 (klinisch hohes Risiko) |
| Gesunde Kontrollen | 278 |
| Nachbeobachtung | 2 Jahre |
| Substanzmuster | Tabak only, Cannabis only, Co-Use, andere Substanzen, kein Konsum |
| Ort | Mehrere Zentren in Nordamerika |
| Publikation | 12. Mai 2026, Nature Mental Health |
Die Studie definierte Co-Use als den zeitgleichen oder zeitnahen Konsum beider Substanzen (innerhalb eines definierten Zeitfensters, in dem sich die Wirkungen überschneiden können). Dies umfasst sowohl: * Simultanen Co-Use: Beide Substanzen gleichzeitig (z. B. Joint mit Tabak – „Spliff”) * Asynchronen Co-Use: Konsum zu unterschiedlichen Tageszeiten (z. B. morgens Tabak, abends Cannabis)
Regelmäßiger Konsum von Cannabis ODER Tabak war jeweils mit erhöhten Werten für: * Angst und Depression * Frühe psychotische Erfahrungen (attenuierte Positivsymptome)
Interessanterweise zeigten Co-User keine signifikant schlechteren Kurzzeitsymptome als Personen, die nur eine Substanz konsumierten.
Der wichtigste und klinisch relevanteste Befund ergab sich aus der Längsschnittanalyse über 2 Jahre:
| Konsummuster | Psychose-Konversionsrisiko |
|---|---|
| Kein Konsum | Referenz (1,0) |
| Cannabis only | Erhöht |
| Tabak only | Erhöht |
| Co-Use (Cannabis + Tabak) | ~3-fach erhöht (HR = 2,93; 95%-KI 1,23–6,97, p = 0,015) |
Kernergebnis: Personen, die regelmäßig beide Substanzen gemeinsam konsumierten, hatten ein nahezu dreifach erhöhtes Risiko, innerhalb des Beobachtungszeitraums eine manifeste Psychose zu entwickeln, im Vergleich zu Nichtkonsumenten.
Relevanz für Deutschland: In Deutschland ist der Mischkonsum von Cannabis und Tabak die vorherrschende Konsumform – rund 70–80 % der Cannabiskonsumenten rauchen Cannabis mit Tabak gemischt („Spliff“ oder „Joint mit Tabak”). Der Befund ist daher hierzulande von besonderer Bedeutung.
Die Ergebnisse der Studie haben direkte praktische Konsequenzen:
* Früherkennung: CHR-Patienten, die beide Substanzen konsumieren, sollten als besonders gefährdet eingestuft werden * Prävention: Präventionsprogramme sollten gezielt auf den Co-Use abzielen, nicht nur auf Einzelsubstanzen * Therapie: Die gleichzeitige Behandlung der Tabak- und Cannabisabhängigkeit erscheint notwendig – eine isolierte Behandlung einer Substanz greift zu kurz * Aufklärung: Konsumenten sollten über das erhöhte Psychoserisiko bei Mischkonsum aufgeklärt werden
Die Forscher diskutieren mehrere mögliche Mechanismen für den überadditiven Effekt des Co-Use:
Pharmakologische Interaktion: * Nikotin verändert die THC-Aufnahme: Nikotin aus dem Tabak beeinflusst die Aufnahme und Verstoffwechselung von THC in der Lunge und im Gehirn * Dopaminerge Überstimulation: THC und Nikotin aktivieren das mesolimbische Belohnungssystem auf unterschiedlichen Wegen (THC über CB₁-Rezeptoren, Nikotin über nAChR) – der Co-Use kann zu einer supraadditiven Dopaminfreisetzung führen, die bei vulnerablen Personen psychotogene Effekte verstärkt
Psychosoziale Faktoren: * Co-User haben möglicherweise ein insgesamt riskanteres Konsumprofil (höhere Frequenz, früheres Einstiegsalter) * Die enge Verhaltenskopplung beider Substanzen erschwert die Reduktion des Konsums
Limitationen der Studie: * Die beobachteten Assoziationen erlauben keine abschließende kausale Interpretation * Die Ergebnisse basieren auf einer nordamerikanischen Kohorte – eine Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse ist wahrscheinlich, aber nicht bewiesen * Die Unterscheidung zwischen Cannabiskonsum mit/ohne Tabak wurde in der NAPLS-Kohorte nicht bei jeder Konsumgelegenheit erfasst
Die Studie unterstreicht die Dringlichkeit von Aufklärungsarbeit speziell zum Mischkonsum: * In Deutschland konsumieren 70–80 % der Cannabiskonsumenten mit Tabak – dies ist die dominierende Konsumform * Vielen Konsumenten ist nicht bewusst, dass der Mischkonsum nicht nur die Suchtpotenziale beider Substanzen vereint, sondern darüber hinaus das Psychoserisiko signifikant erhöht * Präventionskampagnen sollten den Co-Use als eigenständiges Risikoprofil adressieren (nicht nur „Cannabis/Rauchen ist schädlich“)
Für die Behandlung von suchtkranken Menschen mit Psychoserisiko: * Integrierte Behandlung von Tabak- und Cannabisabhängigkeit ist notwendig * Raucherentwöhnungsprogramme sollten den Cannabiskonsum mitberücksichtigen (siehe Cannabis & Tabak – Mischkonsum-Artikel) * Die enge Verhaltenskopplung beider Substanzen (viele konsumieren sie im selben Joint) erfordert spezifische Entkopplungsstrategien
* Ward HB et al. (2026): Cannabis and tobacco co-use predicts psychosis in clinical high risk cohorts. Nature Mental Health. DOI: 10.1038/s44220-026-00648-y * Vanderbilt University Medical Center – Pressemitteilung: Cannabis and tobacco co-use increases psychosis chances (12. Mai 2026) * ad-hoc-news: Cannabis und Tabak – Studie warnt vor verdreifachtem Psychoserisiko (Mai 2026)
* Cannabis & Tabak – Mischkonsum, Risiken & Raucherentwöhnung * Cannabis & Alkohol – Mischkonsum, Risiken & Crossfading * Risiken & Nebenwirkungen von Cannabis * Cannabis-Abhängigkeit (CUD) * Das Endocannabinoid-System * CBD und Psychosen – Forschungsstand * Kansagara et al. (2026): Cannabis und psychische Gesundheit
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