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THC, CBD & CBG: Der große Cannabinoid-Vergleich (mit THCV, CBC & CBN)

Dieser Artikel vergleicht die wichtigsten Cannabinoide – THC (Δ⁹-Tetrahydrocannabinol), CBD (Cannabidiol) und CBG (Cannabigerol) – sowie die bedeutenden Minor-Cannabinoide THCV, CBC und CBN basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen (Stand 2026).

Stand: 2026-05-29 (Erweitert um Minor-Cannabinoide und aktuelle Rezeptorpharmakologie)

Medizinischer Cannabis-ÜberblickCannabinoide (Grundlagen)Endocannabinoid-System (ECS)CBN – Cannabinol (Detail)

1. Grundlagen: Phytocannabinoide und das ECS

Alle pflanzlichen Cannabinoide (Phytocannabinoide) interagieren mit dem menschlichen Endocannabinoid-System (ECS), einem komplexen Netzwerk aus Rezeptoren (CB1, CB2), Endocannabinoiden (Anandamid, 2-AG) und Enzymen (FAAH, MAGL). Die Wirkung eines Cannabinoids hängt entscheidend davon ab:

* An welche Rezeptoren es bindet (CB1, CB2, TRP-Kanäle, PPAR-Rezeptoren) * Mit welcher Affinität es bindet (stark/mittel/schwach) * Ob es agonistisch oder antagonistisch wirkt (aktiviert oder blockiert)

Quelle: Queiroz et al. (2025) – Chemical diversity, receptor binding affinity, and pharmacology of phytocannabinoids (Prog Brain Res)

2. Cannabinoid-Vergleichstabelle

Cannabinoid Psychoaktivität CB1-Affinität CB2-Affinität Weitere Targets Hauptwirkung
THC Hoch (euphorisch) Stark (Agonist) Mittel PPARγ, TRPV Schmerz, Appetit, Übelkeit
CBD Keine Sehr schwach Schwach TRPV1/2, 5-HT₁A, GPR55 Entzündung, Angst, Epilepsie
CBG Sehr gering Mittel (Agonist) Mittel (Agonist) TRPV1/2, α₂-Adrenozeptor Neuroprotektion, antibakteriell
THCV Mild–moderat (bei hoher Dosis) Antagonist (CB1) / Agonist (hohe Dosis) Schwach TRPV Appetitzügler, Diabetes
CBC Keine Sehr schwach Schwach TRPA1, TRPV Entzündung, Schmerz, Neurogenese
CBN Gering (ca. 10 % von THC) Schwach Schwach TRPV2 Schlaf, sedierend

Quelle: Queiroz et al. (2025); Molecules (2024) – CBG Comprehensive Review

3. Haupt-Cannabinoide im Detail

3.1 THC (Δ⁹-Tetrahydrocannabinol)

THC ist das primäre psychoaktive Cannabinoid in Cannabis und wurde erstmals 1964 von Raphael Mechoulam isoliert und synthetisiert.

Pharmakologie: * CB1-Rezeptor: Starker partieller Agonist (Ki ≈ 40 nM) – verantwortlich für die psychoaktive Wirkung * CB2-Rezeptor: Moderate Affinität – trägt zur entzündungshemmenden Wirkung bei * PPARγ-Aktivierung: Beteiligt an metabolischen Effekten * TRPV1/Aktivierung: Modulation der Schmerzwahrnehmung

Wirkungen und Anwendungen:

Indikation Evidenzgrad Quellen
Chronische Schmerzen (neuropathisch) Hoch (multiple Meta-Analysen) WHO, Cochrane 2025
Multiple Sklerose (Spastik) Hoch (Sativex® zugelassen) NICE, EMA
Chemotherapie-induzierte Übelkeit Hoch (Nabilone, Dronabinol) ASCO, NCCN
Appetitlosigkeit (HIV, Krebs) Mittel Cochrane
Schlafstörungen Mittel (oft sekundär zur Schmerzlinderung) AASM

Nebenwirkungen: Kurzzeitgedächtnisstörungen, trockener Mund, Bindehautrötung, Tachykardie, bei hohen Dosen Angst/Paranoia. Toleranzentwicklung bei regelmäßigem Konsum.

Quelle: DrugBank: Dronabinol (THC) Profile

3.2 CBD (Cannabidiol)

CBD wurde bereits 1940 von Roger Adams isoliert, erfuhr aber erst ab 2010 umfassende klinische Erforschung. Im Gegensatz zu THC besitzt CBD keine psychoaktive Wirkung und kann sogar die Effekte von THC abschwächen.

Pharmakologie: * CB1-Rezeptor: Negativer allosterischer Modulator (NAM) – schwächt THC-Bindung ab, ohne selbst zu aktivieren * CB2-Rezeptor: Schwacher Agonist * TRPV1: Starker Agonist (→ Schmerzmodulation) * 5-HT₁A: Partieller Agonist (→ Angstlösung, Antidepressivum) * GPR55: Antagonist – möglicherweise relevant bei Knochenstoffwechsel und Krebs * FAAH-Hemmung: Indirekte Erhöhung des Anandamid-Spiegels

Wirkungen und Anwendungen:

Anwendung Evidenz Hinweis
———–——————
Epilepsie (Dravet/LGS) Hoch – FDA/EMA zugelassen (Epidiolex®) Standardtherapie bei behandlungsresistenten Formen
Angststörungen Mittel – mehrere RCTs 300–600 mg/Tag, besser bei akuter als chronischer Angst
Chronische Entzündungen Mittel – präklinisch gut belegt Wirkt auf multiple Entzündungswege
Psychosen (CBD-antipsychotisch) Mittel – Studiendaten vielversprechend Siehe CBD bei Psychosen

Quelle: WHO: Cannabidiol (CBD) Critical Review Report (2026)

3.3 CBG (Cannabigerol) – „Mutter-Cannabinoid"

CBG wird als „Mutter-Cannabinoid“ bezeichnet, da seine saure Vorstufe CBGA (Cannabigerolsäure) die biosynthetische Vorstufe von THC, CBD und CBC ist. In den meisten Cannabis-Sorten liegt CBG nur in geringen Mengen (<1 %) vor.

Pharmakologie: * CB1 und CB2: Mittlere Affinität, partieller Agonist an beiden Rezeptoren * TRPV1/2: Starker Agonist (ähnlich wie CBD) * α₂-Adrenozeptor: Aktivierung – relevant für Blutdruckregulation * 5-HT₁A: Keine signifikante Bindung (anders als CBD)

Wirkungen und Anwendungen: * Neuroprotektion: Stärker als CBD in präklinischen Modellen – relevant bei Huntington und Parkinson * Antibakteriell: Wirksam gegen MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) – CBG zeigt hier überlegene Wirkung * Entzündliche Darmerkrankungen: Reduktion der Entzündungsmarkter in Colitis-Modellen * Glaukom: Senkung des Augeninnendrucks über CB1- und TRPV1-Wege * Appetitanregung: Ohne psychoaktive Effekte – vielversprechend bei Kachexie

Quelle: Molecules (2024) – Cannabigerol (CBG): A Comprehensive Review of Its Molecular Mechanisms and Therapeutic Potential

4. Minor-Cannabinoide im Überblick

4.1 THCV (Tetrahydrocannabivarin)

THCV besitzt eine ähnliche Struktur wie THC, unterscheidet sich aber durch eine kürzere Propyl-Seitenkette. Diese kleine Änderung führt zu fundamental anderen pharmakologischen Eigenschaften.

Dosisabhängige Wirkung: * Niedrige Dosis: CB1-Antagonist – blockiert THC-Effekte, wirkt appetitzügelnd * Hohe Dosis: CB1-Agonist – kann psychoaktiv wirken (ca. 25 % der THC-Stärke)

Potenzielle Anwendungen: * Stoffwechselerkrankungen: In Tierstudien reduziert THCV Insulinresistenz und Glukoseintoleranz * Appetitregulation: Als CB1-Antagonist potenziell hilfreich bei Adipositas * Panikattacken: Erste Hinweise auf anxiolytische Wirkung (aufgrund der CB1-blockierenden Eigenschaften)

Forschungsstand: Erste Humanstudien zeigen vielversprechende Effekte auf Glykämie und Appetit, jedoch sind größere klinische Studien erforderlich.

Quelle: AIMS Neurosci (2025) – The role of tetrahydrocannabivarin (THCV) in metabolic disorders

4.2 CBC (Cannabichromen)

CBC wurde 1966 entdeckt und ist das dritthäufigste Cannabinoid in vielen Sorten. Es ist nicht psychoaktiv.

Pharmakologie: * CB1/CB2: Nur sehr schwache Bindung * TRPA1: Starker Agonist (→ Schmerzmodulation) * TRPV1/3: Moderate Aktivierung * FAAH-Hemmung: Schwache Hemmung des Anandamid-Abbaus

Potenzielle Anwendungen: * Entzündungshemmung: Wirkt über COX-2-Hemmung und TRP-Kanal-Aktivierung * Neurogenese: In vitro steigert CBC die Lebensfähigkeit neuronaler Stammzellen * Akne: Reduziert überschüssige Talgproduktion in Hautzellstudien * Antidepressiv: In Tiermodellen stärkere Wirkung als CBD

Quelle: Queiroz et al. (2025)](https://doi.org/10.1016/bs.pbr.2025.07.006)) ==== 4.3 CBN (Cannabinol) ==== CBN entsteht durch den **oxidativen Abbau von THC** – es ist kein primäres Cannabinoid, sondern ein Abbauprodukt, das sich bei längerer Lagerung von Cannabis bildet. Je älter das Cannabis, desto höher der CBN-Gehalt. **Pharmakologie:** * **CB1:** Schwacher partieller Agonist (ca. 10 % der THC-Aktivität) * **CB2:** Schwache Bindung * **TRPV2:** Aktivierung (→ Entzündungshemmung) **Wirkungen:** * **Sedierung:** Der bekannteste Effekt – CBN wird oft als „Schlaf-Cannabinoid" bezeichnet, die sedierende Wirkung ist in Studien jedoch schwächer als oft behauptet * **Appetitanregung:** In Tierversuchen gezeigt (stärker als THC bei gleicher Dosis) * **Antibakteriell:** Wirksam gegen MRSA (in vitro) **Wichtig zur Einordnung:** Viele CBN-Produkte auf dem Markt enthalten synthetisches oder semisynthetisches CBN – die natürlichen Mengen in gelagertem Cannabis sind meist zu gering für klinisch relevante Effekte. → Ausführlich: [[cannabis:medizin:cbn-cannabinol|CBN – Cannabinol (Detailartikel)

5. Rezeptor-Bindungsprofil im Vergleich

Die folgende Tabelle zeigt die relative Bindungsaffinität (Ki-Wert in nM; je niedriger, desto stärker):

Cannabinoid CB1 (Ki, nM) CB2 (Ki, nM) TRPV1 (EC50) Charakteristik
THC ~40 ~40–200 nM-Bereich Starker CB1-Agonist
CBD >10.000 >10.000 ~1–3 µM NAM an CB1
CBG ~440 ~340 ~3 µM Balancierter CB1/CB2-Agonist
THCV ~75 (Antagonist) ~60 nM-Bereich Dosisabh. Antagonist/Agonist
CBC >10.000 >10.000 ~5 µM TRP-vermittelte Wirkung
CBN ~130 ~300 ~10 µM Schwacher CB1-Agonist

Quelle: Queiroz et al. (2025) – Prog Brain Res; ergänzt durch Russo (2022) – Survey of Cannabigerol-Predominant Preparations

6. Synergie-Effekte (Entourage)

Die Cannabinoide wirken in Kombination oft besser als isoliert. Der Entourage-Effekt beschreibt diese synergistische Interaktion:

THC + CBD

* CBD reduziert THC-bedingte Angst und Paranoia (über 5-HT₁A und CB1-NAM) * CBD verstärkt gleichzeitig die Schmerzlinderung von THC (über TRPV1) * Optimales Verhältnis: 1:1 bis 1:2 (THC:CBD) für ausgewogene Wirkung

THC + CBG

* CBG scheint die psychoaktive Wirkung von THC zu dämpfen (CB1-Konkurrenz) * Beide zusammen wirken stärker antibakteriell und neuroprotektiv

CBD + CBG

* Beide zeigen gemeinsam verstärkte neuroprotektive Effekte in präklinischen Modellen * Unterschiedliche Rezeptorprofile ergänzen sich (CBG: CB1/CB2 direkt; CBD: TRP/5-HT)

THC + THCV

* THCV (niedrig dosiert) blockiert THC am CB1-Rezeptor → milderer Rausch * THCV (hoch dosiert) kann THC-Effekte verstärken * Besonders interessant für Appetitkontrolle

→ Ausführlich: Entourage-Effekt & Terpen-Synergien

7. Cannabinoid-Profile in der Praxis

7.1 CBD-reiche Sorten (High-CBD)

* Typisches Verhältnis: CBD:THC = 10:1 bis 30:1 * Medizinischer Fokus: Epilepsie, Angst, Entzündungen * Kaum berauschende Wirkung * Quellen: Charlottes Web, ACDC, Harlequin

7.2 Ausgewogene Sorten (Balanced)

* Typisches Verhältnis: CBD:THC = 1:1 bis 2:1 * Medizinischer Fokus: Chronische Schmerzen, MS * Moderate psychoaktive Wirkung * Quellen: Dance World, Pennywise, Equiposa

7.3 THC-dominante Sorten

* Typisches Verhältnis: THC:CBD = >10:1 * Medizinischer Fokus: Starke Schmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit * Deutliche psychoaktive Wirkung * Quellen: OG Kush, White Widow, Northern Lights

7.4 CBG-reiche Sorten

* CBG-Gehalt >5% (teils über 15% in Spezialzüchtungen) * Medizinischer Fokus: Entzündliche Darmerkrankungen, Glaukom * Kaum bis keine psychoaktive Wirkung * Quellen: White CBG, Jack Frost CBG, Stem Cell CBG

8. Rechtlicher Status in Deutschland (Stand Mai 2026)

Cannabinoid Status Verschreibung/Bezug
THC Verschreibungspflichtig (BtMG-ähnlich), Ausnahme KCanG Rezept (Apotheke), Eigenanbau, Anbauvereinigung
CBD Frei verkäuflich (als „CBD-Blüten” mit <0,3 % THC) Reformhaus, online, Apotheke (als Nahrungsergänzung)
CBG Gleicher Status wie CBD (rechtlich wie CBD eingeordnet) Online, Fachhandel
THCV Wie CBD (falls <0,3 % THC) Nischenprodukt, online
CBC Wie CBD Selten als Reinsubstanz erhältlich
CBN Rechtlich unklar (kann aus THC entstehen) Vorwiegend als synthetisches Produkt

Rechtlicher Hinweis: Die Rechtslage zu Minor-Cannabinoiden ist teils ungeklärt. CBN-Produkte könnten je nach Herstellungsprozess als THC-haltig eingestuft werden.

9. Zusammenfassung

Aspekt THC CBD CBG THCV CBC CBN
Berauschung Ja Nein Kaum Dosisabh. (ja/nein) Nein Gering
Suchtpotenzial Moderat Keines Keines Gering Keines Gering
Wichtigste Wirkung Schmerz, Übelkeit Entzündung, Angst Neuroprotektion Appetitzügelung Entzündung Schlaf
Forschung Sehr umfangreich Sehr umfangreich Wachsend Frühstadium Frühstadium Mittel
Verfügbarkeit (DE) Hoch (Rezept) Sehr hoch Mittel Gering Gering Gering

Quellenverzeichnis

* Queiroz NC, Soares MB, Fin CK, Hartmann M et al. (2025): Chemical diversity, receptor binding affinity, and pharmacology of phytocannabinoids. Prog Brain Res. DOI: 10.1016/bs.pbr.2025.07.006 * Molecules (2024): Cannabigerol (CBG): A Comprehensive Review of Its Molecular Mechanisms and Therapeutic Potential * AIMS Neurosci (2025): The role of tetrahydrocannabivarin (THCV) in metabolic disorders * Russo EB, Cuttler C, Cooper ZD, Stueber A et al. (2022): Survey of Patients Employing Cannabigerol-Predominant Cannabis Preparations: Perceived Medical Effects. Cannabis Cannabinoid Res. PMID: 34569849 * DrugBank: Dronabinol (THC) Profile * DrugBank: Cannabigerol (CBG) Profile * WHO: Cannabidiol (CBD) Critical Review Report (2026) * BMG – Cannabisgesetz FAQ (2026)

Siehe auch

* THC vs. CBG – Detailvergleich * Endocannabinoid-System (ECS) * Entourage-Effekt * Terpene & Medizinische Wirkung * CBN – Cannabinol


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