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Licht-Chronobiologie & Far-Red-Steuerung im Cannabis-Anbau
Die Licht-Chronobiologie – die Wissenschaft davon, wie Pflanzen Tageszeiten und Lichtsignale wahrnehmen – hat sich als eines der innovativsten Felder im modernen Cannabisanbau etabliert. Insbesondere die gezielte Nutzung von Fernrot-Licht (Far-Red, FR, 700–750 nm) am Ende des Lichtzyklus („End-of-Day“ / EOD) ermöglicht es, den Blühzyklus zu verkürzen, die Morphologie zu beeinflussen und die Ertragsqualität zu steigern.
Stand: 2026-06-08
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Physiologische Grundlagen: Phytochrome und die innere Uhr
Cannabis misst die Tageslänge nicht direkt über die Lichtintensität, sondern über ein fein abgestimmtes System aus Phytochromen – lichtempfindlichen Proteinen, die als biologische Schalter funktionieren.
Das Phytochrom-System
| Form | Absorptionsmaximum | Wirkung |
|---|---|---|
| Pr (Phytochrome rot) | 660 nm (Rotlicht) | Inaktiv; wird durch Rotlicht in Pfr umgewandelt |
| Pfr (Phytochrome fernrot) | 730 nm (Far-Red) | Aktiv; löst Blühinduktion bei photoperiodischen Sorten aus |
Mechanismus: Während der Lichtphase wird Pr durch Rotlicht (660 nm) ständig in die aktive Pfr-Form umgewandelt. Pfr fördert vegetatives Wachstum und hemmt die Blühinduktion. In der Dunkelphase wird Pfr langsam zurück in Pr umgewandelt („Dunkelreaktion”). Wenn die Dunkelphase lang genug ist (typisch 12 h bei Cannabis), sinkt der Pfr-Anteil unter einen Schwellenwert, und die Pflanze beginnt zu blühen.
Schlüsselprinzip: Das Verhältnis Pfr/Pr ist der eigentliche „Blühsensor“ – nicht die absolute Lichtmenge.
Der Emerson-Effekt
Der Emerson-Effekt (nach dem Biologen Robert Emerson, 1957) beschreibt die synergistische Wirkung von Rotlicht (660 nm) und Fernrotlicht (730 nm) auf die Photosynthese:
- Rotlicht allein aktiviert Photosystem II (PSII)
- Far-Red allein aktiviert Photosystem I (PSI)
- Kombiniert steigert sich die Photosynthese-Rate überadditiv – also mehr als die Summe der Einzelbeiträge
Für den Cannabis-Anbau bedeutet das: Eine Kombination aus tiefem Rot (660 nm) und Far-Red (730 nm) in der Lichtphase kann die Photosyntheseeffizienz um bis zu 30 % steigern.
Quelle: Scientific Reports (2025): The effects of far-red light on medicinal Cannabis
End-of-Day Far-Red (EOD-FR)
Die End-of-Day-Far-Red-Technik (EOD-FR) ist die praktisch wichtigste Anwendung der Licht-Chronobiologie im Cannabisanbau.
Funktionsweise
# **Lichtphase (z. B. 12 h):** Normale Vollspektrum-Beleuchtung (PPFD 600–1000 µmol/m²/s). Pfr-Anteil ist hoch. # **Sofort nach Licht-aus:** 10–15 Minuten reines Far-Red-Licht (730 nm, 20–50 µmol/m²/s). # **Dunkelphase:** Pfr wird durch den FR-Puls in Sekunden statt Stunden auf Pr zurückgesetzt.
Ergebnis: Die Pflanze „glaubt”, die Dunkelphase habe bereits viel länger angehalten. Der Phänozyklus wird effektiv verkürzt.
Wirkungen auf Cannabis
| Parameter | Wirkung von EOD-FR | Evidenz |
|---|---|---|
| Blühzyklus-Dauer | Verkürzung um 5–7 Tage bei photoperiodischen Sorten | Praxisberichte 2024–2026; Nature Sci Rep 2025 |
| Blühinduktion | Schnellere und synchronere Blüte | Phytochrom-Mechanismus gut belegt |
| Internodien-Länge | Streckung um 10–20 % (Shade-Avoidance) | Erwarteter FR-Effekt |
| Blütenertrag | Kein signifikanter Verlust bei korrekter Dosierung | Nature Sci Rep 2025 |
| Cannabinoid-Gehalt | Sortenabhängig; bei THC-dominanten Sorten teils erhöht | Nature Sci Rep 2025 |
| Terpenprofil | Weniger erforscht; mögliche Verschiebung zu stressinduzierten Terpenen | Theoretisch plausibel, noch nicht systematisch untersucht |
Praktische Umsetzung
Technische Voraussetzungen
Für EOD-FR wird eine separat steuerbare Far-Red-Lichtquelle benötigt:
- Far-Red-LED-Streifen (730 nm, z. B. Osram SFH 4737) – günstig und effektiv
- Spezielle FR-Erweiterungsmodule für LED-Bars (z. B. Fluence RAY, SANlight EVO Serie)
- Steuerung: Relais oder DALI-Controller, der nach dem Hauptlichtzyklus automatisch FR einschaltet
Dosierung:
- Intensität: 20–50 µmol/m²/s PPFD (allein für FR)
- Dauer: 10–15 Minuten unmittelbar nach Licht-aus
- Timing: Wichtig – FR muss nach dem letzten Rotlicht-Puls kommen, nicht davor
Fahrplan: EOD-FR im Blütezyklus
| Phase | EOD-FR | Intensität | Begründung |
|---|---|---|---|
| Vegetativ | Optional | Niedrig (10–20 µmol/m²/s) | Kann Streckung fördern – je nach Ziel erwünscht oder nicht |
| Blüte-Woche 1–2 (Stretch) | Empfohlen | Mittel (30–50 µmol/m²/s) | Beschleunigt Blühinduktion, synchronisiert Canopy |
| Blüte-Woche 3–6 (Hauptblüte) | Empfohlen | Mittel (30–50 µmol/m²/s) | Verkürzt effektiven Phänozyklus |
| Blüte-Woche 7+ (Reife) | Optional | Niedrig (20 µmol/m²/s) | Kann Reifungsprozess unterstützen |
| Letzte Woche vor Ernte | Aus | – | Kein FR in der Endphase |
Kombination mit Dämmerungssimulation
Fortgeschrittene Grower kombinieren EOD-FR mit einer Sonnenuntergangssimulation:
# **30 Min. vor Licht-aus:** Rotlicht-Anteil langsam dimmen (simuliert Abenddämmerung) # **Licht-aus:** Sofort 10–15 Min. Far-Red # **Dunkelphase:** Komplette Dunkelheit
Diese Kombination simuliert einen natürlichen Sonnenuntergang und reduziert den Umschlagstress für die Pflanze.
Risiken und Nebenwirkungen
Shade-Avoidance-Syndrom
Die größte Gefahr bei falscher FR-Dosierung ist das Shade-Avoidance-Syndrom (SAS):
- Symptome: Übermäßige Streckung, dünne Stängel, kleine Blätter, luftige Blüten
- Ursache: Zu viel FR während der Lichtphase (niedriges R:FR-Verhältnis)
- Lösung: FR nur am Ende des Lichtzyklus geben, nie während der Hauptlichtphase
Streckung in der Blüte
EOD-FR in den ersten 2 Wochen der Blüte kann die Streckungsphase verstärken – das kann erwünscht sein (mehr Platz für Blütenstände) oder unerwünscht (zu hohe Pflanzen im begrenzten Grow-Zelt).
Gegenmaßnahme: FR-Intensität in Woche 1–2 auf ≤ 30 µmol/m²/s begrenzen.
Sortenabhängige Reaktionen
Nicht alle Cannabissorten reagieren gleich auf FR:
- Indica-dominante Sorten: Tendenziell weniger Streckung durch FR, kompaktere Blüten
- Sativa-dominante Sorten: Stärkere Streckungsreaktion – Vorsicht bei begrenzter Höhe
- Autoflowering: EOD-FR hat keinen Effekt auf den Blühzeitpunkt (autoflowering Sorten blühen altersabhängig), kann aber die Morphologie beeinflussen
Aktuelle Forschung (2025/2026)
Nature Scientific Reports (Mai 2025)
Rodriguez-Morrison et al. (2025): „The effects of far-red light on medicinal Cannabis“
Eine der ersten kontrollierten Studien zu EOD-FR bei medizinischem Cannabis:
- Design: Vergleich von EOD-FR (730 nm, 15 Min.) vs. Kontrolle bei zwei THC-dominanten Sorten
- Ergebnis: „Strong yield and quality advantage in high-THC lines treated with end-of-day FR treatments”
- CBD-Sorten: Weniger ausgeprägter Effekt als bei THC-dominanten Genotypen
- Empfehlung: EOD-FR ist besonders für THC-dominante medizinische Sorten geeignet
Kotiranta et al. (2024) – R:FR-Verhältnis
- Ein hohes R:FR-Verhältnis (mehr Rot, weniger FR) erhöht CBD, CBG-A und THCV-A in CBD-reichen Sorten
- Ein niedriges R:FR-Verhältnis (mehr FR) fördert Streckung, aber nicht unbedingt den Cannabinoid-Gehalt
- Implikation: FR-Steuerung muss sortenspezifisch angepasst werden
Zusammenfassung: EOD-FR im Überblick
| Aspekt | Empfehlung |
|---|---|
| — | — |
| Wer sollte EOD-FR nutzen? | Indoor-Grower mit photoperiodischen Sorten und separater FR-Steuerung |
| Wann einsetzen? | Ab Blüte-Woche 1, bis Woche 6–7 |
| Intensität | 20–50 µmol/m²/s FR-PPFD |
| Dauer | 10–15 Minuten nach Licht-aus |
| Vorteile | Kürzere Blüte, synchronere Canopy, potenziell höherer THC-Gehalt |
| Risiken | Shade-Avoidance (bei falscher Dosierung), Streckung |
| Nicht geeignet für | Autoflowering (kein Blühzeitpunkt-Effekt), Outdoor (nicht kontrollierbar) |
Siehe auch
Wissenschaftliche Quellen
- Rodriguez-Morrison et al. (2025): The effects of far-red light on medicinal Cannabis. Scientific Reports 15, 17482. DOI: 10.1038/s41598-025-99771-6
- Kotiranta et al. (2024): Effects of red to far-red ratio on cannabinoid concentrations in CBD-rich cannabis. Plant Science. DOI: 10.1007/s11816-024-00920-8
- Danziger & Bernstein (2021): Light intensity and spectrum modify cannabinoid profiles in medical cannabis. Frontiers in Plant Science. DOI: 10.3389/fpls.2021.620021
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