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EKOCAN-Zwischenbericht (April 2026): Zwei Jahre Cannabis-Teillegalisierung in Deutschland
Projekt: Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN) Institutionen: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Eberhard Karls Universität Tübingen Koordination: Dr. Jakob Manthey (UKE) Veröffentlicht: 1. April 2026 (Zweiter Zwischenbericht, ca. 80 Seiten) DOI (Forschungsdaten): 10.25592/uhhfdm.18530
Hintergrund
Das Konsumcannabisgesetz (KCanG) trat am 1. April 2024 in Kraft und legalisiert den privaten Eigenanbau (bis zu 3 Pflanzen), den gemeinschaftlichen Anbau in Anbauvereinigungen (CSCs) sowie den Besitz von bis zu 25 g (öffentlich) bzw. 50 g (privat). Die gesetzlich vorgeschriebene Evaluation obliegt dem EKOCAN-Forschungsprojekt unter Federführung des UKE Hamburg.
Der erste Zwischenbericht (September 2025) untersuchte die ersten Auswirkungen im ersten Jahr nach Inkrafttreten. Der zweite Zwischenbericht (April 2026) legt den Fokus auf:
* Auswirkungen auf die Organisierte Kriminalität * Entwicklung des Cannabismarktes und der legalen Bezugsquellen * Auswirkungen auf den Kinder- und Jugendschutz * Entwicklung des Medizinalcannabis-Marktes
Zentrale Ergebnisse
1. Organisierte Kriminalität
Die Auswirkungen auf die Organisierte Kriminalität (OK) können zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend bewertet werden:
| Ergebnis | Befund |
|---|---|
| Eigenanbau und Apothekenbezug nehmen zu | Moderate Zunahme des Anteils legal bezogenen Cannabis – Hinweis auf schrumpfende Bedeutung des Schwarzmarktes |
| Finanzielle Schwächung krimineller Gruppen | Möglich, aber noch nicht statistisch belegbar |
| Polizeiliche Herausforderungen | Befragung von >2.000 Kriminalpolizisten: Es sei schwieriger geworden, Schwarzmarktakteure strafrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen |
| Ermittlungsdauer | Verfahren zu OK dauern häufig mehrere Jahre – abschließende Bewertung erst im Endbericht (~2028) |
Kernerkenntnis: Der Schwarzmarkt wird langsamer verdrängt als erhofft, aber die Richtung stimmt. Die Anbauvereinigungen spielen bislang eine untergeordnete Rolle, da viele Clubs noch im Aufbau sind.
2. Cannabismarkt
Die legalen Bezugswege haben in den zwei Jahren seit der Reform deutlich an Bedeutung gewonnen:
Medizinalcannabis-Importe: Explosionsartiger Anstieg
| Jahr | Importierte Menge (brutto) | Netto-Import (nach Abzug Export) | Veränderung |
| —— | ————————— | ———————————- | ————- |
| 2023 | ~33 t (BfArM) | – | – |
| 2024 | ~73 t (BfArM) | ~65 t (EKoCAN) | – |
| 2025 | ~201 t (BfArM) | ~195 t (EKoCAN) | +198 % (vs. 2024 netto) |
Der massive Anstieg wird nahezu vollständig durch Privatrezepte und Telemedizin-Plattformen getrieben. Der Anteil der GKV-Verordnungen (gesetzliche Krankenversicherung) bleibt stabil niedrig.
Anbauvereinigungen (CSCs): * Langsamer als erwarteter Hochlauf * Genehmigungsverfahren in vielen Bundesländern (insb. Bayern, Thüringen) übermäßig bürokratisch * Bis April 2026: ~400 genehmigte Clubs, davon ~86 aktiv anbauend * Empfehlung der Forscher: Vereinfachung gesetzlicher Vorschriften für Anbau und Weitergabe
Schwarzmarkt: * Preisniveau weiterhin ~10 €/g – kein Preisverfall durch legale Konkurrenz * Geschätztes Marktvolumen 2025: ca. 4–5 Mrd. € illegal vs. ~1 Mrd. € legal
3. Medizinalcannabis – Kritik an hohen THC-Gehalten
Ein zentraler und besonders kontroverser Punkt des zweiten Zwischenberichts ist die Kritik an der aktuellen Medizinalcannabis-Praxis:
| Kritikpunkt | Befund |
|---|---|
| THC-Gehalt verschriebener Blüten | Durchschnittlich ~25 % – extrem hoch im internationalen Vergleich |
| Studienlage | Wirksamkeit belegt für standardisierte Präparate mit niedrigem THC-Gehalt (<10 %) |
| Risiken | Hochpotente Blüten sind mit erhöhtem Risiko für psychische Probleme (Psychosen, Angst) verbunden |
| Aggressives Marketing | Online-Plattformen bewerben Produkte zum Teil unter Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz |
| „Medizinalcannabis als Einfallstor“ | Verschwimmende Grenze zwischen medizinischer und nicht-medizinischer Nutzung |
Forderung des EKOCAN-Teams: Eine evidenzbasierte Reform des MedCanG mit Begrenzung des THC-Gehalts in verschreibbaren Cannabisprodukten. Dies wird von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) unterstützt, stößt aber auf Widerstand von Patientenverbänden und der Telemedizin-Branche.
4. Kinder- und Jugendschutz
Die Ergebnisse zum Kinder- und Jugendschutz werden von der Politik als besorgniserregend bewertet:
| Indikator | Entwicklung | Bewertung |
| ———– | ————- | ———– |
| Frühinterventionsprogramme | Deutlich rückläufige Teilnahme | ⚠️ Negativ |
| Justizielle Zuweisungen | Keine regelhaften Zuweisungen mehr zu Frühinterventionskursen | ⚠️ Negativ |
| Beratungsangebote (ambulante Suchthilfe) | Leichter Rückgang bei jungen Erwachsenen | ⚠️ Mittel |
| Risikobewusstsein Jugendlicher | Ausgeprägtes Bewusstsein für Gesundheitsgefahren vorhanden | ✅ Positiv |
| Schulische Präventionsangebote | Werden weiterhin angenommen | ✅ Neutral |
Ursache des Rückgangs: Mit der Entkriminalisierung von Besitz und Eigenanbau entfielen die bisherigen justiziellen Zuweisungen zu Frühinterventionskursen (z. B. „Frühintervention bei erstmaligem Cannabiskonsum” – FREI-Kurse). Die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Jugendhilfe und Suchtberatung hat sich aufgrund unklarer Zuständigkeiten verkompliziert.
Empfehlung der Forscher: * Prüfung einer Neuorganisation der Zuweisungswege * Bessere Koordination zwischen Polizei/Ordnungsämtern, öffentlicher Jugendhilfe und Suchtberatung Allgemeine Stärkung der ambulanten Suchthilfelandschaft durch auskömmliche Finanzierung
Methodik
Der zweite Zwischenbericht basiert auf einem Multi-Methoden-Ansatz:
| Methode | Beschreibung |
|---|---|
| Polizeibefragung | >2.000 Kriminalpolizisten zu Auswirkungen auf Strafverfolgung |
| Qualitative Interviews | Expert:innen aus Strafverfolgungsbehörden zur Organisierten Kriminalität |
| Abwasseranalysen | THC-COOH-Messungen in deutschen Städten (EUDA/SCORE) |
| Bevölkerungsbefragung | Epidemiologischer Suchtsurvey (ESA) 2024 |
| Prozessdaten | Genehmigungszahlen der Anbauvereinigungen, Apothekenabgabedaten |
| Sekundärdatenanalyse | Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), Sozialdaten |
Politische Reaktionen
Der zweite Zwischenbericht löste zum zweiten Jahrestag des CanG am 1. April 2026 eine breite politische Debatte aus:
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU):
„Frühinterventionen, die Kinder und Jugendliche vom Konsum abhalten sollen, gehen stark zurück. Eine zunehmende verschwommene Grenze zwischen Konsumcannabis und medizinischem Cannabis bereitet uns Sorge.“ 7)
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU):
Bezeichnete das CanG als „vollkommenen Rohrkrepierer” – der Schwarzmarkt blühe, die Kriminalität steige. 8)
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU):
Fordert Nachsteuerungen bei der Suchtprävention, da Polizei und Staatsanwaltschaften weniger Handhabe hätten. 9)
Dr. Jakob Manthey (EKOCAN-Koordinator):
„Der Schwarzmarkt wird langsam durch legale Angebote verdrängt. Allerdings sollte der Anbau und die Weitergabe in Anbauvereinigungen gestärkt werden.“ 10)
Deutscher Hanfverband (DHV):
Die Kritik an zu hohen THC-Gehalten sei realitätsfern – Patient:innen benötigten differenzierte Behandlungsmöglichkeiten. Die Forderung nach Begrenzung des THC-Gehalts sei ein Rückschritt. 11)
Einordnung und Grenzen
Der zweite Zwischenbericht liefert wichtige Daten, hat aber auch methodische Einschränkungen:
* Keine abschließende Evaluation – ein Endbericht wird für 2028 erwartet * Kausale Effekte schwer isolierbar – viele Entwicklungen (z. B. Kokainkonsum) folgen längerfristigen Trends, die vor dem CanG begannen * Regionale Unterschiede – die Erfahrungen variieren stark zwischen Bundesländern * Dunkelfeldproblematik – viele Daten beruhen auf polizeilichen Registrierungen, die selbst durch das Gesetz verändert wurden * Anbauvereinigungen noch im Aufbau – belastbare Aussagen zu CSCs werden erst mit dem Endbericht möglich
Ergänzende Studien: * DIW-Studie (April 2026, Bindler et al.): Wirtschaftswissenschaftliche Analyse – ebenfalls keine signifikante Konsumsteigerung, aber Cannabis-Preisstabilität und Beunruhigung wegen Kokain/Crack-Trends 12) * Schranz et al. (2026): Kurzzeiteffekte der Legalisierung auf Fahren unter Cannabis-Einfluss – The Lancet Regional Health Europe 13)
Quellen
* Primärquelle: EKOCAN-Projekt (2026). Zweiter Zwischenbericht zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (KCanG). Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Eberhard Karls Universität Tübingen. 14) * 15) * 16) * 17) * 18) * 19) * 20) * 21) * 22)
Siehe auch
* Recht: Deutschland – Cannabisgesetz (CanG) aktuell * DIW-Studie: Cannabiskonsum nach Teillegalisierung stabil (April 2026) * Cannabis-Wirtschaft in Deutschland – Markt, Steuern & Arbeitsplätze * Cannabis in Europa – Rechtslage im Vergleich * Risiken & Nebenwirkungen von Cannabis
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0 | Stand: 2026-05-25 | Tags: #cannabis #recht #cannabisgesetz #cang #ekocan #evaluation #forschung #2026