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Lehberger et al. (2026): Home-Cannabisanbau in Deutschland – Einstellungen und Erfahrungen nach der Teillegalisierung
Lehberger M, Kleih A-K, Sparke K. Public attitudes and lifetime home cannabis cultivation – a survey after legalization in Germany. International Journal of Drug Policy, 2026, 148:105121. DOI: 10.1016/j.drugpo.2025.105121 | PMID: 41443120
Diese Studie liefert die ersten empirischen Belege zur öffentlichen Einstellung und zum tatsächlichen Engagement beim privaten Cannabisanbau in Deutschland nach der Teillegalisierung durch das CanG im April 2024. Mittels einer repräsentativen Online-Panel-Befragung der deutschen Bevölkerung untersucht sie, welche Faktoren mit Unterstützung für die Legalisierung und mit tatsächlichem Anbauverhalten zusammenhängen.
Stand: 2026-05-29
1. Hintergrund
Am 1. April 2024 trat in Deutschland das Konsumcannabisgesetz (KCanG) in Kraft, das erstmals den privaten Eigenanbau von bis zu drei Cannabispflanzen pro volljähriger Person legalisierte. Damit wurde Deutschland das bevölkerungsreichste europäische Land, das den Home-Cannabisanbau legalisiert hat.
Vor dieser Studie gab es jedoch kaum empirische Daten darüber: - Wie die Bevölkerung den privaten Anbau tatsächlich bewertet - Wie viele Menschen bereits selbst angebaut haben oder anbauen - Welche Faktoren die Einstellung zum Eigenanbau beeinflussen
Bisherige Forschung konzentrierte sich vor allem auf Länder mit längerer Legalisierungserfahrung (USA, Kanada, Uruguay) – die Übertragbarkeit auf den europäischen Kontext war unklar.
Die vorliegende Studie schließt diese Lücke und untersucht erstmals systematisch die Determinanten von Einstellung (Support für Legalisierung) und Verhalten (tatsächlicher Eigenanbau) im neuen deutschen Rechtsrahmen.
Besonderheit der Studie: Sie unterscheidet explizit zwischen zwei Outcome-Dimensionen: 1. Attitudinale Outcomes: Wie steht die Bevölkerung zur Legalisierung des Eigenanbaus? 2. Behaviorale Outcomes: Wer hat tatsächlich schon einmal Cannabis angebaut?
:::: info Förderhinweis: Die Autorinnen und Autoren gaben an, dass die Studie ohne spezifische Förderung durchgeführt wurde (keine Drittmittel). ::::
2. Methodik
2.1 Studiendesign
- Design: Repräsentative Querschnittsbefragung (Online-Panel) - Stichprobengröße: n = 1.500 Teilnehmende - Zielpopulation: Deutschsprachige Erwachsene in Deutschland (ab 18 Jahren) - Rekrutierung: Über ein etabliertes Online-Access-Panel mit Quotensteuerung nach Alter, Geschlecht, Bildung und Region - Erhebungszeitraum: Herbst 2024 (nach Inkrafttreten des CanG)
2.2 Statistische Analyse
Die Analyse erfolgte mittels hierarchischer Regressionsanalysen (hierarchical regression), um die schrittweise Erklärungskraft verschiedener Prädiktorenblöcke zu untersuchen:
| Schritt | Prädiktoren-Block |
|---|---|
| Modell 1 | Soziodemografische Variablen (Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen, Region) |
| Modell 2 | Cannabiserfahrung (Konsumgeschichte, Konsumhäufigkeit, Bekanntheit mit Anbau) |
| Modell 3 | Erwartungen an die Folgen der Legalisierung (positive und negative) |
Abhängige Variablen: 1. Support: Einstellung zur Legalisierung des Eigenanbaus (Likert-Skala) 2. Cultivation: Selbstberichteter jemaliger oder aktueller Anbau von Cannabis (binär)
3. Zentrale Ergebnisse
3.1 Einstellung zur Legalisierung
Die befragte Bevölkerung bewertete die Legalisierung des Eigenanbaus mehrheitlich positiv:
| Ergebnis | Befund |
|---|---|
| Allgemeiner Support | Die Teilnehmenden tendierten insgesamt zu einer positiven Bewertung der Legalisierung |
| Erwartungen an Folgen | Positive Erwartungen (z. B. Entlastung der Justiz, Qualitätskontrolle, Reduktion des Schwarzmarkts) waren stark mit höherem Support assoziiert |
| Negative Erwartungen | Die einzige durchgängig geteilte negative Erwartung war die Sorge, dass die Legalisierung den allgemeinen Cannabiskonsum in der Gesellschaft erhöhen könnte |
| Alter | Jüngere Altersgruppen zeigten signifikant höheren Support – dieser Effekt wurde jedoch weitgehend durch die höhere Cannabiserfahrung in dieser Gruppe erklärt |
3.2 Tatsächlicher Eigenanbau
| Ergebnis | Befund |
|---|---|
| Prävalenz des Eigenanbaus | Ca. 10 % der Befragten gaben an, schon einmal Cannabis angebaut zu haben (Lebenszeitprävalenz) |
| Zusammenhang mit Konsum | Die Cannabiskonsum-Erfahrung war der stärkste Prädiktor für tatsächliches Anbauverhalten |
| Alter | Das Alter war einer der konsistentesten Korrelate – sowohl für Support als auch für Anbauverhalten |
| Bildung und Einkommen | Soziodemografische Faktoren (Bildung, Einkommen, Region) verloren nach Kontrolle für Cannabiserfahrung deutlich an Erklärungskraft |
3.3 Einstellung vs. Verhalten – ein wichtiger Unterschied
Die Studie zeigt einen substantiellen Unterschied zwischen Einstellung und Verhalten:
“Erwartungen an die Folgen der Legalisierung waren stark mit Support assoziiert, zeigten aber kaum Zusammenhang mit tatsächlichem Anbauverhalten.”
- Support für Legalisierung wird durch eine breite Palette von Erwartungen an gesellschaftliche Folgen beeinflusst - Tatsächliches Anbauverhalten ist dagegen enger mit individueller Erfahrung und persönlichen Motiven verknüpft - Menschen, die bereits angebaut haben, zeigen deutlich höheren Support und positivere Erwartungen als Nicht-Anbauende
:::: info Praktische Implikation: Politische Entscheidungsträger sollten beachten, dass öffentliche Unterstützung für eine Politik (Support) und tatsächliches Verhalten (Anbau) von unterschiedlichen Faktoren getrieben werden – eine differenzierte Betrachtung ist für die Politikfolgenabschätzung essenziell. ::::
4. Stärken und Limitationen
Stärken
* Erste repräsentative Studie zu Home-Cultivation in Deutschland nach der Legalisierung * Trennung von Einstellungs- und Verhaltensebene (methodisch innovativ) * Hierarchische Regression erlaubt Isolierung von Effekten * Relevante Stichprobengröße (n = 1.500)
Limitationen
* Querschnittsdesign: Keine kausalen Schlüsse möglich (zeitliche Abfolge unklar) * Selbstbericht: Anbauverhalten möglicherweise unterberichtet (trotz Anonymität) * Online-Panel: Möglicher Selektionsbias (Online-Affinität) * Zeitpunkt: Kurz nach Legalisierung erhoben – langfristige Veränderungen nicht abbildbar * THC-Gehalt und Sorten: Keine Erfassung der angebauten Sorten oder Cannabinoid-Profile
5. Einordnung und Ausblick
Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse für die deutsche und europäische Cannabispolitik:
1. Evidenzbasierte Politikgestaltung: Die Ergebnisse zeigen, dass die öffentliche Unterstützung für den Eigenanbau hoch ist – deutlich höher als die tatsächliche Anbauprävalenz. Dies spricht gegen die Befürchtung einer „Massen-Anbauszene“.
2. Internationale Relevanz: Als bevölkerungsreichstes EU-Land mit legalem Eigenanbau können Deutschlands Erfahrungen wertvolle Lehren für andere Jurisdiktionen bieten, die ähnliche Reformen erwägen.
3. Forschungsbedarf: Längsschnittstudien sind nötig, um die zeitliche Entwicklung von Einstellungen und Verhalten zu verfolgen. Besonders interessant: Wie verändert sich die Einstellung in der Bevölkerung mit zunehmender Erfahrung mit legalem Anbau?
4. Weitere Forschung: Die Autorinnen und Autoren betonen, dass zukünftige Studien auch die Motive für den Eigenanbau (medizinisch, rekreativ, Hobby, Selbstversorgung) sowie die Qualität und Sicherheit des angebauten Cannabis untersuchen sollten.
Die Studie wurde im International Journal of Drug Policy veröffentlicht, einer der weltweit führenden Fachzeitschriften für Drogenpolitik (Impact Factor 2025: ca. 6,0). Sie ergänzt die laufende Evaluation des CanG durch das EKOCAN-Projekt und liefert wichtige mikroanalytische Daten auf Individualebene.
→ CanG – Das Cannabisgesetz (Hauptseite) → EKOCAN-Zwischenbericht (April 2026) → Keimung & Anzucht – Praktischer Leitfaden → Anbauvereinigungen (Cannabis Social Clubs)
Quellen
* Lehberger M, Kleih A-K, Sparke K (2026): Public attitudes and lifetime home cannabis cultivation – a survey after legalization in Germany. International Journal of Drug Policy, 148:105121. → DOI: 10.1016/j.drugpo.2025.105121 | PubMed: 41443120 * EKOCAN – Zweiter Zwischenbericht zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (April 2026). → DOI: 10.25592/uhhfdm.18530 * Konsumcannabisgesetz (KCanG) – BGBl. 2024 I Nr. 109. → Gesetze im Internet * Schranz et al. (2026): Short-term effects of cannabis legalisation in Germany on driving under the influence of cannabis. The Lancet Regional Health – Europe, 63:101593. → DOI: 10.1016/j.lanepe.2026.101593