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ESA-Studie: Cannabis-Konsum in Deutschland vor und nach der Teillegalisierung (Hoch et al., 2025)

Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S. (2025). Cannabis Consumption Before and After Partial Legalization in Germany: Early Trends, Consumption Patterns, and Motives. Deutsches Ärzteblatt International, 122: 632–637. DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0161

Diese Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim und der Universität Heidelberg (in Kooperation mit der Universität Hamburg-Eppendorf) wertet Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys (ESA) aus – einer repräsentativen Befragung der deutschsprachigen Erwachsenenbevölkerung. Sie ist die erste repräsentative Erhebung zu Konsummustern nach der Teillegalisierung durch das CanG (April 2024).

Stand: 2026-05-26 | Neu aufgenommen

Warum diese Studie wichtig ist

Die Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland ab April 2024 (CanG) war ein historischer Einschnitt in der Drogenpolitik. Internationale Erfahrungen – vor allem aus Nordamerika – deuten darauf hin, dass Legalisierung zu einem Anstieg des Konsums bei Erwachsenen führen kann. Ob sich dieser Trend auch in Deutschland zeigt, war bislang unklar. Die ESA-Studie liefert nun die ersten repräsentativen Daten für die Zeit direkt nach Inkrafttreten des CanG (Erhebungszeitraum August bis Dezember 2024).

Studiendesign

Merkmal Beschreibung
———————-
Studientyp Repräsentative Querschnittsbefragung (wiederholt, ESA-Reihe)
Population Deutschsprachige Erwachsene (18–64 Jahre) in Privathaushalten
Erhebungszeitraum 2024 August – Dezember 2024 (nach CanG-Inkrafttreten)
Stichprobengrößen 2012: n=9.084
2015: n=9.204
2018: n=9.267
2021: n=9.046
2024: n=7.534
Befragungsmethode Mixed-Mode: Paper-Pencil (PAPI), Telefon (CATI), Online (CAWI)
Finanzierung Bundesministerium für Gesundheit (BMG)

Methodisches Vorgehen: * Zweistufige Zufallsauswahl: Zufällige Gemeinden → Zufällige Personen aus Melderegistern * Überrepräsentation jüngerer Teilnehmer, kalibriert auf Alter, Geschlecht, Bundesland, Gemeindegröße und Bildungsabschluss * Erhebungsdurchführung: Infas GmbH (2012–2021), Ipsos GmbH (2024)

Quelle: ESA – Epidemiologischer Suchtsurvey

Zentrale Ergebnisse

Prävalenzentwicklung (2012–2024)

Die 12-Monats-Prävalenz des Cannabiskonsums entwickelte sich wie folgt:

Jahr Prävalenz (18–64 Jahre) Veränderung
2012 4,6 %
2015 6,3 % +1,7 Prozentpunkte
2018 7,4 % +1,1 Prozentpunkte
2021 8,8 % +1,4 Prozentpunkte
2024 9,8 % +1,0 Prozentpunkte (nicht signifikant)

1)

Kernerkenntnis: Die Prävalenz ist von 4,6 % (2012) auf 9,8 % (2024) gestiegen – ein kontinuierlicher Trend, der sich über den gesamten Beobachtungszeitraum hinzieht. Der Anstieg zwischen 2021 (8,8 %) und 2024 (9,8 %) ist statistisch nicht signifikant. Die Autoren kommen zu dem Schluss: *„Ein Anstieg des Konsums, der auf die Reform zurückgeführt werden kann, ist zu diesem Zeitpunkt nicht erkennbar.“*

Konsumformen und Produkte (2024)

Konsumform Anteil der Nutzer
Marihuana (Blüten/Kraut) 92,3 %
Joints 88,6 %
Haschisch 31,5 %
Verdampfer/Vaporizer 15,5 %
Wasserpfeife/Bong 8,2 %
Cannabis-Lebensmittel (Edibles) 6,3 %

2)

Der Joint dominiert weiterhin als bevorzugte Konsumform. Bedenkenswert: Der überwiegende Teil der Joints wird mit Tabak gemischt konsumiert – der Anteil derer, die (fast) immer Tabak beim Joint verwenden, liegt bei über der Hälfte der Konsumenten. Dies hat Implikationen für die Schadensminderung, da die tabakbedingten Gesundheitsschäden die cannabisbedingten übersteigen können.

Bezugsquellen

Nach CanG haben sich die Bezugsquellen diversifiziert:

Bezugsquelle Anteil (Mehrfachnennungen)
Privater Eigenanbau 14,3 %
Mitgliedschaft in CSC/Anbauvereinigung 25,7 %
Freundes- und Bekanntenkreis dominierend
Apotheke (medizinisch) 6,2 %

3)

Überraschend: Jeder vierte Cannabiskonsument war bereits Mitglied in einem Cannabis Social Club (CSC) – dies zeigt, dass die Clubs trotz bürokratischer Hürden und Verzögerungen eine wichtige Rolle im neuen legalen Ökosystem spielen.

Konsummotive (2024)

Motiv Anteil
„Um high zu werden / Spaß zu haben” 66,8 %
„Um Stress abzubauen / zu entspannen“ 61,3 %
„Aus sozialen Gründen (mit Freunden)” 42,5 %
„Um besser zu schlafen“ 38,2 %
„Aus medizinischen Gründen (Selbstmedikation)” 27,4 %
„Um kreativer zu sein“ 18,6 %
„Aus Neugier / experimentieren” 12,1 %

4)

Einordnung und Bedeutung

Was die Studie bedeutet:

Die ESA-2024-Daten sind die erste repräsentative Momentaufnahme nach der Teillegalisierung. Die wichtigste Botschaft: Ein Konsumanstieg als direkte Folge des CanG ist bislang nicht nachweisbar. Der langsame, über Jahre andauernde Aufwärtstrend setzt sich zwar fort, aber ohne Beschleunigung durch das neue Gesetz.

Einschränkungen der Studie:

Einschränkung Auswirkung
—————————
Erhebung nur 4–8 Monate nach CanG Zu kurzer Zeitraum für endgültige Aussagen
Keine Daten zu Frequenz/Menge der Nutzung „Nur“ 12-Monats-Prävalenz, nicht letzter Monat oder Konsumintensität
Selbstauskunft (soziale Erwünschtheit kann Angaben beeinflussen) Mögliche Untererfassung
Stichprobe nur deutschsprachige Haushalte Menschen in Einrichtungen, Obdachlose etc. nicht erfasst

Einordnung der Autoren:

*„Angesichts der sehr jungen Legalisierung ist es noch zu früh, um einen eindeutigen Effekt zu beobachten.”* (Hoch et al., 2025)

Die Autoren empfehlen daher eine kontinuierliche Surveillance der Konsumentwicklung.

Bedeutung für die Drogenpolitik (Stand Mai 2026)

Die Studie wird sowohl von Befürwortern als auch von Gegnern der Legalisierung zitiert:

* Befürworter weisen darauf hin, dass die befürchtete „Konsumexplosion“ ausgeblieben ist – der Anstieg von 8,8 % auf 9,8 % ist statistisch nicht signifikant und liegt im langjährigen Trend * Kritiker (insb. CDU/CSU, siehe Zweijahresbericht April 2026) betonen dennoch den kontinuierlichen Aufwärtstrend und die Risiken für den Gesundheitsschutz * Der Zweijahresbericht der Bundesregierung (April 2026) bestätigt den moderaten Anstieg: *„Ein Anstieg des Konsums, der auf die Reform zurückgeführt werden kann, ist zu diesem Zeitpunkt nicht erkennbar.”*

Quelle: DW – Germany: Conservatives call for cannabis rethink (April 2026)

Quellen

* Originalartikel: Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S. Cannabis Consumption Before and After Partial Legalization in Germany: Early Trends, Consumption Patterns, and Motives. Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 632–7. → DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0161 * ESA-Studie:esa-survey.de * CanG-Inhalt:BMG – Cannabisgesetz * Zweijahresbericht (April 2026):DW Bericht (englisch) * Deutsches Ärzteblatt:Ärzteblatt Archivseite

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1)
Hoch et al., 2025, Dtsch Arztebl Int
2) , 3) , 4)
Hoch et al., 2025
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